





Das Abenteuer
Ich weiß nicht mehr, wann genau es war, aber irgendwann im Jahre 1990
war er da – der Einberufungsbescheid zur Bundeswehr.
Für mich als Ossi
eine seltsame Situation. Ich war zu DDR
-Zeiten für die NVA
gemustert worden und sollte nun meinen Dienst in einer Armee ableisten, die noch vor nicht allzu langer Zeit das Feindbild darstellte.
Viele Fragen kamen auf ; muss ich überhaupt zur Bundeswehr
, welchen Sinn hat es noch zur Armee zu gehen, wie wird es dort wohl sein, wie lange wird es dauern, bis ich wieder nach hause kommen werden ?
Schnell kamen allerhand Gerüchte auf. Angst wurde verbreitet, das es dort noch viel schlimmer hergeht, als in der NVA. Da gibt es nichts zu lachen, die machen Dich fertig, als Ossi hast Du da richtig zu leiden. Schnell kam ein mächtig unwohles Gefühl auf, Angst und leichte Panik möchte ich nicht leugnen. Nicht nur auf der Arbeit, sondern auch in der Familie wurde es Tagesgespräch. Wie sich bald heraus stellte, wurde auch mein gleichaltriger Cousin einberufen. Welch Zufall, als wir heraus fanden, das wir beide in die gleiche Einheit rekrutiert wurden. Meinem Cousin wurde es um einiges leichter Zumute, als er ein Familienmitglied an seiner Seite wusste, denn auch Ihn plagten die Sorgen, was uns wohl bevor stehen würde.
Begleitet wurde das Szenario vom Golfkrieg
, welcher die Medien fest im Griff hatte. Der Kriegseinsatz der Bundeswehr stand zu Debatte. Freiwillige wurden gesucht, auch Grundwehrdienstleistende für den Einsatz im Krieg. Alles Dinge, die ich mir so gar nicht vorstellen wollte. Was hatten wir denn mit dem Golfkrieg zu tun ? Alle machten sich Sorgen, aber keiner kam wirklich auf den Gedanken, einfach zu verweigern. Im Nachhinein schon fast unverständlich, muss man sich doch eingestehen, das man doch gar nicht zur Bundeswehr hätte gehen müssen, da man ja dafür gar nicht gemustert worden war, selbst der Wehrdienstausweis, galt doch für die NVA ?!
Der Tag war gekommen, nun war es soweit, ein Schritt in eine ungewisse Zukunft. Am 02. Januar 1991
ging es los. Wir sollten die ersten Ossis sein, die im Westen
eingezogen wurden. Zielort war Hildesheim und als Richt- und Ladeschütze sollte ich meinen Platz für die nächsten 12 Monate finden. Gemeinsam mit meinem Cousin machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof. Erstaunlich viele zukünftige Wehrdienstleistende waren unterwegs, allen stand die Ungewissheit ins Gesicht geschrieben und trotzdem versuchten alle ein Gefühl von Partylaune an den Tag zu bringen. Der Abschied wurde gefeiert, aber auch auch vielen Freundinnen und Müttern standen die Tränen in den Augen. Eine circa vierstündige Fahrt stand vor uns – von Potsdam
nach Berlin
, dann über Braunschweig
nach Hildesheim
.
In Berlin nahm das Schauspiel seinen Lauf. Viele Rundfunkanstalten standen parat mit Mikrofon und Kamera. Der Golfkrieg war Thema Nummer 1 und niemand wollte es zulassen, das wir unserem Einberufungsbefehl folgten. Reporter versuchten krampfhaft ein Interview mit den zukünftigen Wehrdienstleistenden zu erhaschen, auch um Ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden. Der Aufenthalt verzögerte sich immer länger. Wie sich herausstellte, hatten sich Protestgruppen zusammengefunden, welche die Gleise besetzten und somit die Ausfuhr des Zuges verhinderten. Nach einem fast endlosen hin und her, setzte der Zug auf einmal rückwärts und verließ den Bahnhof in entgegengesetzter Richtung. Die einzigste Möglichkeit vorwärts zu kommen, war den Bahnhof zu umfahren und so ging es nun endlich weiter Richtung Zielbahnhof Hildesheim.
Endlich angekommen – im Westen – so richtig realisieren konnte man es noch nicht. Schließlich wurden wir in die Kaserne geleitet – vielleicht 10 Minuten Fußweg vom Bahnhof. Was war das ? Eine Kaserne in der Stadt hatte wohl keiner erwartet. Kein Stacheldrahtzaun, der das Gelände umrang, so wie man es von NVA Kasernen kannte. Ein schmiede eiserner Zaun trennte die Öffentlichkeit von Militärgelände, Rasen durchzog das Gelände, wo man in NVA Kasernen nur Sand vor fand. Wie sich kurz später heraus stellte, wurde der Exerzierplatz zum Parkplatz umfunktioniert, da viele Einberufene mit dem Auto kamen. Irgendwie glich das nicht dem, was man uns vorher weiß machen wollte.
Lustiger weise fanden mein Cousin und ich uns auch noch im selben Zimmer wieder, wo wir nun insgesamt 8 Leute waren. Die Aufteilung hatte man generell so vorgesehen, das immer 4 Ossis mit vier Wessis ein Zimmer zu teilen hatten. Das dies zu heftigen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten führte, brauch wohl nicht näher erläutert zu werden. Jedoch stellte sich auch schnell heraus, das wir Ossis
, genauso wie die Wessis
ganz schon für blöd verkauft wurden, von den Medienberichten, die im Fernsehen ausgestrahlt wurden. Aus anfänglichen Disputen wurden gute Freundschaften und wir hatten eine Menge Spaß.
Nach nur 14 Tagen, war ich schon das erste Mal wieder zu hause und die ungläubigen Blicke meiner Eltern sprachen Bände. Gespannt war man nun zu erfahren, was mir so alles wieder fahren war.
Die Bundeswehr hatte sich nun für mich als unnötiger Abenteuerurlaub entpuppt. Einen echten Sinn konnte man uns nicht so recht vermitteln, da uns nun der Ostblock, welcher bisher der Verbündete der DDR war, als Gegner vermittelt werden sollte. Unser Zugführer gestand uns mal, das wenn die NVA nach 16 Uhr einmarschiert wäre, die Bundeswehr einfach überrannt hätte, da man hier ja schon Feierabend hätte.
Eine EK Bewegung, die die Neulinge schikanierte, wie sie in der NVA Gang und Gebe war, gab es in der Bundeswehr nicht. Nachtalarm gab es nur einmal, weil sich ein gelangweilter Rekrut darüber beschwerte, das hier gar kein Alarm statt fand. Der Zapfenstreich wurde schon nach 14 Tagen aufgehoben und wir verbrachten mit den Unteroffizieren die Nächte in der Diskothek der Nachbarschaft. Die 3 Monate Grundausbildung vergingen wie im Fluge und man kann sagen, das die ZV Ausbildung zu DDR Zeiten doch um einiges ungemütlicher war.
Nach der Grundausbildung wurden wir dann wieder in heimatliche Gefilde verfrachtet, also in den Osten. Die neue Heimat war Mecklenburg Vorpommern, eine Kaserne der ehemaligen NVA, mitten im Wald, eine Sandwüste, von 2 Zäunen umringt, ein Ort, den wir überhaupt nicht vorfinden wollten. Selbst die westlichen Unteroffiziere, welche uns begleiteten, stand ins Gesicht geschrieben, das Sie uns dafür bedauerten.
Schließlich fanden wir hier Unteroffiziere und Offiziere vor, die selbst nicht mehr wussten, was der Sinn Ihrer Tätigkeit war. Man versuchte uns Dinge der Bundeswehr zu erklären, die wir aufgrund unserer eigenen Grundausbildung im Westen besser beherrschten, als unsere neuen Vorgesetzten. Nachdem die Einheiten von Bundeswehroffizieren übernommen wurden, kam wenigstens wieder etwas Struktur in die „Armee“.
Als Stabsdienstsoldat verrichtete ich nun den Rest der Zeit und versuchte, wie so viele Andere auch, so oft wie möglich nach hause zu kommen. Schnell wurden Fahrgemeinschaften mit dem Auto gebildet, da die Zugverbindung katastrophal war und bis zu 8 Stunden Zugfahrt bedeuten konnte. Wer in der Kaserne bleiben musste ergab sich dem üblichen Saufgelage, da Alkohol nach Feierabend erlaubt war und eine Kneipe mittlerweile zum Standard der Kaserne gehörte.
Im Dezember 1991
hatten wir es dann endlich geschafft. Am 19.12.1991
fand unser Wehrdienst ein Ende, da die Offiziere Weihnachten zu hause verbringen wollten und niemand Lust hatte, die Zeit in der Kaserne zu verbringen.
Rückblickend kann ich sagen, das es wohl eine recht sinnlose Zeit war. Sicher habe ich viele interessante Menschen kennen gelernt und meine Arbeit als Stabsdienstsoldat hat mir einen Einblick in die Bürokratie gegeben, aber einen echten Nutzen hat wohl Keiner der Wehrdienstleistenden daraus ziehen können. Schade, das ich meine Zeit so vergeudet habe, aber hinterher ist man immer schlauer. Das war ein Abenteuer, das zwar einen festen Platz in meiner Lebensgeschichte hat, doch ist es ein Abenteuer gewesen, das niemand erstreben braucht.
Autor: Bonsai
Datum: 01.01.2010 - 01:00
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