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Das Jahr 1958

1958. Was für ein Jahr. In Deutschland erwartete man in der zweiten Jahreshälfte eine Beruhigung des Preisauftriebs. Der amerikanische Außenminister weckt in den europäischen Hauptstädten die Hoffnung auf eine Lockerung des Ostembargos. In Finnland werden die schwärzesten Prognosen bestätigt. Finnlands KP wird stärkste Partei. Etwas Erfreuliches ist für den nordamerikanischen Kontinent zu verzeichnen, sehr zur Freude der 200.000 Menschen von Alaska. Alaska wird als 49 Staat in den großen Verbund der USA aufgenommen.

All diese innen- und außenpolitischen Ereignisse verblassen aber, wenn ein erschütterndes, bis in die Wurzeln einschneidendes Ereignis eine Familie aufrüttelt und aus ihrem inneren Gleichgewicht bringt.
Dann erlischt jegliches Interesse für die Außenwelt. Es gilt sich mit dem persönlichen Schicksal auseinander zusetzen, es anzunehmen oder seinen Halt zu verlieren.

Der Juli 1958 war ein weiterer folgenschwerer Monat im Leben meine Eltern. Hatten sie doch schon in ihrer Jugendzeit das dritte Reich, den Krieg und meine Mutter noch die Flucht aus Breslau überstanden, um dann vor der Geburt meiner Schwester Brigitte 1953 ihr erstes damals zweijähriges Kind zu verlieren.

Mein Vater, ursprünglich gelernter Fahrradmechaniker, ging seit 1952 in den Erzbergbau Salzgitter arbeiten. Er qualifizierte sich zum Hauer. Damit war er der unter Tage im Vortrieb oder Abbau mit dem Bohrhammer unmittelbar vor Ort arbeitende Bergmann. Dies brachte mehr Geld für unsere Familie. Es ging aufwärts bei unserer Familie mit drei Kleinkindern und in Erwartung eines vierten Kindes, dass Ende Oktober 1958 das Licht der Welt erblicken wollte.

Im besagten Juli 1958, genauer am 09.Juli, fuhr mein Vater mit seinen Kumpeln, wie jeden Arbeitstag, in den Schacht ein. Es begann wie immer ein normaler Arbeitstag mit Lachen, Tagesgeplänkel, der kleine Alltag, zuerst. Unter Tage angekommen wurden alle Vorbereitungen für einen neuen Arbeitstag eingetaktet. Wie immer bereitete er sich in seinem, ihm zugewiesenen Verantwortungsbereich, mit Sorgfalt Stück für Stück seine Bohrungen vor, immer auf der Hut und seinem Wesen für Genauigkeit entsprechend. Da passierte das Entsetzliche, Unfassbare mit sehr weittragenden Folgen für unsere kleine Familie im großen Weltgeschehen. Mein Vater, der Hauer bohrte auf eine Sprengladung, die von einer der vorherigen Schichten im Gestein stecken geblieben war. Immer war es gegenwärtig. Das Unfassbare, das nun passiert war. Jetzt Chaos, Hilfeschreie, Orientierungslosigkeit. Das Entsetzen seiner Kumpel auf den Gesichtern gezeichnet, als die Gesteinsbrocken, kleine und große in Vielzahl auf sie herunterprasselten. Das blutüberströmte Gesicht, über den Oberkörper, den Arm meines Vaters, bis hinunter zu dem rechten Bein, eingehüllt die andere Körperseite in Schutt und Dreck. Alle den Atem anhaltend, ob noch mehr herunterprasselt – und nur helfend wollen. Einer von ihnen.
Im Bergbaugeschehen war es einer der vielen Arbeitsunfälle. Für unsere Familie eine Katastrophe und für meine Mutter eine neue Herausforderung mit dem Leben.



Schwanger, drei weitere Kleinkinder, kein Auto und auf dem Dorf lebend. Einmal in der Woche erhielt meine Mutter einen Passierschein für das Krankenhaus. Erst nach Braunschweig, dann nach Göttingen in die Augenklinik. Eine kleine „Weltreise“ jedes Mal, verbunden mit Überlegungen, wo die Kinder unterbringen, haben die Großeltern Zeit. Und es war eine Frage des Geldes, reicht es noch, um eine Fahrkarte zu bezahlen. Denn die Rückerstattung erfolgte nur gegen Vorlage des Fahrscheines.
Größer als diese Planung war die Angst. Die Angst die Diagnose der Ärzte könnte sich bestätigen. Die Diagnose, dass das Augenlicht meines Vaters nicht mehr zu retten sei.
Blind, in einem Alter von 30, nie mehr die Frühlingsblumen sehen, die herbstliche Pracht der malerischen Farben, die Familie nie mehr sehen. Dunkel, alles Dunkel.
Trotzdem nicht die Hoffnung aufgebend, die Ärzte könnten sich geirrt haben. Zeitgleich die Auseinandersetzung mit Krankenkasse auf der einen. Berufsgenossenschaft auf der anderen Seite.
Dann die Gewissheit. Die grausame Wahrheit. Erschütterung bei meinen Eltern, Fassungslosigkeit bei beiden. Wie weiter? Wie damit umgehen? Was jetzt?
Fragen über Fragen, Ängste über Ängste, die meinen Eltern sicherlich mehr als eine schlaflose Nacht beschert haben.
Was es für mich bedeutete und wie es mein späteres Leben beeinflussen sollte, wusste ich damals noch nicht. Mit dreieinhalb Jahren will ein Kind noch jeden Tag Neues entdecken, Grenzen erobern. Sich weder mit Weltpolitischem, noch mit Familienschicksalen auseinandersetzen.
Und doch, meine fünfjährige Schwester Brigitte, mein zweijähriger Bruder Manfred und ich, Monika, wir setzten uns damit auseinander und leben damit.
Trotz Weltgeschichte, trotz drei Kleinkindern und einem neugeborenen Baby drehte sich die Erde weiter. Meine Eltern trotzten der Herausforderung und nahmen die Widrigkeiten des Lebens an. Mit Humor, später auch mit Rollentausch, d.h. meine Mutter ging ihrer Arbeit außerhalb nach und mein Vater war für uns Ansprechpartner bei Hausaufgaben und versorgte soweit es ging, den Haushalt.





Autor: Investyourself

Datum: 01.01.2010 - 01:00

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