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Kleider machen Russen

Unser Vater war kein Mann großer Worte. Was er sagte hatte Hand und Fuß. Darüber hinaus erachtete er jedes weitere Wort als Verschwendung von Zeit und Atem, den man nutzbringender verwenden konnte. Aber es gab eine Ausnahme. Wenn er sich an die letzten Kriegsmonate erinnern ‘wollte’. Dann war seine mitreißende Erzählung zuerst nüchterne Tatsachenschilderung. Strahlte in seinem sanften Ausdruck und den hingebungsvollen Gesten, langsam sich steigernd, eine unendliche Dankbarkeit aus. Für eine ihm zuvor fremde Familie, deren hart geprüften Mitglieder eigentlich seine Feinde hätten sein müssen.

 

Und das ist seine Erzählung!

Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück! Das war schon seit Monaten unser Schicksal und ich konnte nicht behaupten, dass uns der Zeitpunkt der Wende in der Kampfbewegung voll ins Bewusstsein drang. Plötzlich war aus hin- und her wogendem Schlachtgetümmel nur noch eine Marsch- und Fahrtrichtung auszumachen. Wir kämpften mit dem Rücken vor der untergehenden Sonne. Im Krebsgang. Und rot versank nicht nur der Planet am Horizont.

Endgültig vorbei die siegestrunkenen, stoßartigen Angriffswellen in Blitzschlachten beim Vormarsch Ost auf die russischen Verteidigungslinien am Don. Dort wo die braune Kriegsmaschinerie zum Stocken kam. Unter unbeschreiblichen Verlusten der 6. Armee im sibirisch kalten Winter von 1942/43 der Rückwärtsgang sich langsam aber sicher selbst einlegte. Wir wollten das immer noch nicht wahrhaben. Wurden mit Meldungen von grandiosen Siegen an der Westfront gefüttert. Mit psychologischer Tiefenwirkung angestachelt.

Im Sonderurlaub August/September 1943 heirateten ich und Eure Mutter. Am Palmsonntag 1944 erwischte ich mitten in der Nacht durch einen ‘gedopten’ Urlaubsschein einen Zug in Richtung Heimat. Und in jener Woche nach Ostern war euer ältester Bruder -na ja- entstanden.

Zwei lange Jahre hatte das Heereskommando uns in der Süd-Ukraine in Richtung auf die rumänische Grenze fein säuberlich Mann für Mann verheizt. Roboterhaft funktionierten wir. Um uns starben die Kameraden wie die Fliegen und keiner wusste, wann seine Stunde geschlagen hatte. Von unserer 306. Infanterie-Division unter dem Kommandeur General der Kavallerie Karl Erik Köhler, waren im Spätsommer 1944 nur noch spärliche, schon weit verstreute Reste vorhanden. Wir wurden nach den aussichtslosen Stellungskämpfen am Dnjestr in Eilmärschen zurückgenommen. Es sollte eine neue, kernige Kampfeinheit gebildet werden.

Sollte! Statt dessen wurden wir von einer starken russischen Panzerbrigade wie die Hasen auseinander gejagt, in alle Himmelsrichtungen getrieben. Die Schlacht um Bessarabien war voll entbrannt. Die Situation vollkommen chaotisch. Und ich verlor den Anschluss an meine Gruppe. Mit zwei Kameraden versuchte ich, immer im Schutze der Dunkelheit, unseren Haufen oder einen Zipfel davon wieder zu finden. Es wollte uns nicht gelingen. Und wir erwägten schon, mit einer waghalsigen Aktion einen Durchbruch zu starten. Zu unserem Entsetzen hatten wir festgestellt, dass wir uns weit hinter den feindlichen Linien befanden, die geschlossen gegen die rumänische Grenze rollten. Ohne bei dieser Attacke nennenswerten Widerstand vorzufinden.

Guter Rat war teuer und bestimmt lebensentscheidend.

Uns wurde klar, dass wir schnellstens in unauffällige Klamotten schlüpfen mussten. Nach dem Motto: Kleider machen Russen! Es dauerte einige Tage, bis wir uns von Wäscheleinen und aus leer stehenden Hütten ein für die Zeit typisches, mehr als bescheidenes Äußeres organisiert hatten. Und weil wir untereinander nur noch russisch stotterten, konnte man uns den Russki aus nicht allzu kurzer Distanz auch abnehmen.

Was uns immer wieder in unnötige Gefahr brachte, das waren die Wölfe, die in unseren Eingeweiden rumorten. Hunger wurde zu unserem schlimmsten Gegner, ließ uns unvorsichtig werden. Bei einer halb verfallenen, weit verstreuten Hüttenansammlung in der Nähe von Yurivka spielten wir in der Nacht zum 27. August Fuchs, du hast die Gans gestohlen. Dabei vollkommen außer acht lassend, dass Gänse eigentlich die besseren Wachhunde sind. Das Geschnatter und Gekreische, das sie vom morschen Zaun ihrer kleinen Umfriedung brachen, weckte das ganze Dörfchen. Nur mit Mühe konnten wir in den schützenden Mantel der Dunkelheit entkommen. Jeder auf seinem eigenen Pfad. Die beiden Kameraden jener Tage habe ich nie wieder gesehen.

Es erwischte mich gewissermaßen mit heruntergelassener Hose. Gerade hatte ich mein Geschäft verrichtet und war dabei, mir die Hosenträger zurecht zu rücken. Auf meiner linken Seite explodierte ein Schmerzgewitter und im selben Moment hallte das Echo von Schüssen durch das dichte Unterholz des kleinen Mischwäldchens, in dem ich mich für den Tag versteckt hielt. Im ungebärdigen Meer der Schmerzen spürte ich noch, wie mich meine Sinne verließen, versuchte mich in die Rinde einer Buche zu krallen, aber ....Blackout!

Die Partisanen, die auf mich geschossen hatten, werden mich für tot gehalten haben. Oder ihnen war klar, dass ich in kürzester Zeit bei meiner schweren Verwundung verbluten würde. Sie ließen mich einfach liegen.

Wie lange ich auf der Reise ohne Bewusstsein war, konnte ich nicht nachvollziehen. Irgendwann versuchten meine geschwächten Geister auf die verbrannte russische Erde zurück zu finden. Hinter einem zarten Lichtstrahl, der sich durch eine Ritze wagte, zeichneten sich schattenhafte Umrisse ab. In meinem Oberkörper wüteten unzählige spitze Pfeile gegeneinander und mein Blut siedete in Fieber. Ich war klatschnass. Wusste nicht wo ich mich befand. Der Ton in meiner brennenden Brust fand noch kein Echo. Die Welt um mich herum, war in wallende und schwingende Nebel getaucht. Schwieg. Oder ich war nicht mehr von dieser Welt.

Erste Lautfetzen tröpfelten in mein Bewusstsein, zerrten an den nagenden Schmerzen in Kopf und Oberkörper. Mein Fahrgestell war scheinbar nicht mehr vorhanden. Ich war gelähmt, taub und fast blind. Nur in meine erwachende Gedankenwelt wühlte sich in den nächsten Momenten ein gigantischer Dornenkranz. Dann tauchte ich wieder in den Balsam gnädiger Bewusstlosigkeit ab.

Die bewusste Rückkehr in die Gegenwart erschreckte mich bis ins Mark. Die runzlige Gesichtslandschaft einer älteren Frau schwebte bedrohlich über mir. Sanfte, aber flinke Hände beschäftigten sich an meiner linken Seite. Und ich lokalisierte erstmalig, dass die Quelle der unbeschreiblichen Schmerzen, die mich durchpulsten , nicht in meiner Brust wüteten, sondern im Arm. Was mich grenzenlos erleichterte. Für einen winzigen Augenblick. Dann spannte sich mein ganzer Körper zu einem Bogen, unterlag offensichtlich nicht mehr meiner Willenskraft. Von den Halswirbeln her kroch, ein brennendes Kitzeln zuerst, ein Heer geschärfter Messerklingen in meinen Hinterkopf und wütete vollkommen unkontrolliert. Knallkörperschmerz explodierte in allen Fasern meines Körpers. Ich wollte lieber sterben als noch länger diese Qualen ertragen.

Mit einfühlsamer Geduld schob sich eine Stahlplatte -für mein Empfinden- unter meinen Kopf, hob diesen leicht an. Über meine Lippen perlte aromatischer Tee, den ich begierig schlürfte. Doch das Schlucken fiel mir schwer und ich prustete die warmen Tropfen aus dem Napf der Samariterin, welche sich fürsorglich um mich kümmerte, prustend ins Gesicht. Was sie zum Schmunzeln veranlasste. Denn sie hatte meine Lebensgeister gereizt. Was nur bedeuten konnte, dass ich dem Knochenschädel mit der Sense vom großen Sammelrechen gesprungen war. Fürs Erste zumindest.

Wie mir Ludmilla später berichtete, war ich ihr nach dieser ersten Lebensgeistermobilisierung in den nächsten Wochen und Monaten noch mehrere Male fast ins Nirwana zwischen Himmel und Hölle entfleucht. Sie schaffte es aber immer wieder, mich mit primitivsten Naturheilmitteln und anderen Mixturen, von denen ich nicht wissen möchte, aus was sie bestanden, auf die alte Mutter Erde in die südliche Ukraine zurück zu holen.

Immer wenn sie mir wieder einen Knochensplitter aus dem zerfetzten Arm geschnitten hatte, oder eine vereiterte Stelle an der Brust ausbrennen musste, verabschiedete ich mich wieder in gnädiges Vergessen. Es fehlte einfach an wirklich und schnell wirkenden Heilmitteln. Und das Verbandszeug bestand aus zerrissenen , immer wieder gewaschenen Lumpen. Was die Genesung auch nur wenig unterstützte.

Was hatte diese erstaunliche Frau geleistet?

Ihren Gemahl Pjotr hatte sie monatelang mit einer schauspielerischen Weltmeisterleistung hinters Licht geführt, damit er mich nicht bei den Partisanen oder den Parteigewaltigen anschwärzen würde. Ludmilla trauerte um ihren einzigen Sohn der im Frühjahr 1944 beim Vorstoß der Russen nördlich von Nikolajew gefallen war. Die Mutter verlor in ihrem Schmerz fast den Verstand. Bis sie mich im Wäldchen beim Pilze sammeln fand. Halb tot und dringender Hilfe bedürftig. Sie adoptierte mich sofort in ihrem Herzen.

So schnell ihre stämmigen Beine sie trugen, eilte sie in ihre winzige Behausung zurück. Machte Pjotr weis, dass sie den Sohn schwer verletzt im Wald gefunden hatte. Ihn mit seiner Hilfe in die Hütte holen musste. Pjotr setzte noch zu einem gemurmelten Protest an, weil er wusste, dass Wladimir bestimmt nicht dort draußen verletzt im Wald lag. Aber er wusste auch, dass Widerspruch zwecklos war. Er kannte seine Ludmilla und ihre harte Hand mit dem Nudelholz, das er schon öfter zu spüren bekommen hatte, wenn er in einem Wodkagewitter fast ersoff und schwer angetrunken in die Hütte taumelte.

Oder glaubte sie wirklich, dass sie den Sohn gefunden hatte?

Pjotr vermochte sich zuerst keinen Reim darauf machen und zeigte gute Miene zum Samariterspiel. War sich aber bald selbst sicher, dass Ludmilla in ihrem wirren Geist den Sohn gefunden hatte. Sich diese Überzeugung nicht nehmen ließ. Auch nicht von ihm.

In der Nacht brachten die Beiden mich in ihre Hütte, in welcher sie unter dem Dach ein Versteck eingerichtet hatten. Von unten nicht einsehbar. In einem Verschlag unter Stroh und Heu verborgen. Sie setzten bei dieser Nacht-und-Nebel-Aktion und die Monate danach ihr Leben aufs Spiel. Was sie nicht kümmerte. Und das Glück war ihnen hold, weil die russische Angriffswelle im schnellen Vormarsch Richtung Deutschland rollte und alles nieder walzte, was sich ihr in den Weg stellte. Und Sieger vergessen gerne das Heimatland im Rausch des Triumphes.

Im Februar 1945 erholte ich mich zusehends und es wurde klar, dass eine neue Gefahr auf uns zukam. Es wurde Zeit, für meine Ausreise die ersten Vorbereitungen zu treffen. Bei denen ich zu meinem Bedauern nicht einmal mit helfen konnte. Weil ich in der Hütte bleiben musste. Im Dorf und in der weiteren Umgebung waren die Apparatschiks der Partei jetzt verstärkt unterwegs und suchten nach allen möglichen Widersprüchen im Verhalten der russischen Landsleute. Was dem Verrat Tür und Tor öffnete. Für weiß nicht welche Vergünstigungen und Versprechungen, die nie eingehalten werden konnten, verkaufte bald jeder jeden.

Die Angst schlich auf leisen Pfoten durch die Ukraine. Und niemand konnte sich sicher sein, wann die hungrigen Fänge der Stalinkrake sich um den eigenen Hals schlingen würden.

Im April war ich so weit hergestellt, dass ich den Strapazen einer Flucht gewachsen war. Meine linke Brustseite eiterte nicht mehr pausenlos und meinen jetzt knochenfreien linken Arm hatten wir mit einer primitiven Prothese aus Holz und Drahtgeflecht an die Schulter geschnallt. Ich war ‘fluchttauglich’ reisefertig.

Am 1. April, dem Ostersonntag saßen wir in feierlich trauriger Stimmung zusammen und stimmten uns auf den Abschied ein. Pjotr war  jeden Tag unterwegs, um Möglichkeiten für einen Transport außer Landes zu erkunden.

Und dann war es so weit!

Für den Maifeiertag 1945 hatten meine beiden unvergleichlichen Schutzengel, wie ich Ludmilla und Pjotr nannte, Platz in einem Krankentransport für mich organisiert. Zumindest ließen sie mich das glauben. In der südlichen Ukraine grassierte die Ruhr, gepaart mit einer hochansteckenden Infektionskrankheit, deren Ursprung nicht bekannt war. Die Provinzverwaltung versuchte sich der Erkrankten zu entledigen, indem sie diese ans Schwarze Meer verschickte und dort in einem Lager in Quarantäne hielt. In der Hoffnung, von den neuen Verbündeten aus den USA die Medikamente zu bekommen, die bei der Bekämpfung der ‘Seuche’ Heilung versprachen.

In der Nacht zum 2. Mai teilte mir Ludmilla plötzlich mit, dass sie für mich eine andere Möglichkeit gefunden hatten, um das Land möglichst unbehelligt zu verlassen. Das russische Volk und die Rote Armee hatten für den Großraum

Wien die Aktion ‘Mai-Spende’ (unter anderem ca. 1000 Tonnen Erbsen- das Erbsendenkmal erinnert an diese Aktion) organisiert. Auch in der Ukraine wurde ein Transport von Lebensmitteln zusammengestellt und in Richtung Wien in Marsch gesetzt.

Im Güterzug war für mich in einer riesigen, doppelt verschalten Holzkiste mit Nahrungsmitteln ein Stehplatz zum Sitzen reserviert! Die stabile Holzkonstruktion entpuppte sich als mannshohes, aber reisetaugliches Wohnklo mit geruchsfrei gedeckeltem Eimer.

 

Wie konnten meine ‘Adoptiveltern’ dieses Juwel organisiert haben? Ich hatte es nie erfahren! Die halb verrosteten Güterwagen ratterten langsam, mit unzähligen Wartestunden auf Abstellgleisen und durch zerstörte Schienenstränge umgeleitet, im Zickzackkurs in Richtung Westen. Ich hatte bald jedes Gefühl für die Zeit verloren. Sehnte mich nur noch danach, endlich aus meinem Verlies heraus zu kommen. Doch meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.

Ich wagte es nicht, aus meiner Kiste zu steigen und durch irgend eine Ritze in der Waggonwand einen Blick nach draußen zu erhaschen. Zeit und Raum blieben mir verborgen. Wieder einmal hatte der Zug mindestens einen Tag gestanden. Es war als hielte die Welt den Atem an.  Endlose Stunden verstrichen, in denen nichts passierte. Und dann konnte ich mich einfach nicht mehr bremsen. Mit beiden Händen nahm ich mein wild schlagendes Herz gefangen, sonst wäre es mir bestimmt aus der Brust gehüpft, als ich die Seite meiner Kiste mit einer gelösten Latte aufhebbelte.

Sekunden lang hielt ich inne. Von draußen war kein Laut zu vernehmen. Vorsichtig, mit unendlicher Mühe, durch den untauglichen linken Arm behindert, kletterte ich auf die Kisten und arbeitete mich bis an die Tür vor. Ein schmaler Spalt erlaubte einen eingeschränkten Ausblick auf die Umgebung des abgestellten Güterzuges, der mitten zwischen grünenden und blühenden Wiesen stand. Weit und breit war keine Menschenseele auszumachen. Die Sonne warf lange Schatten. Mir wurde aber nicht klar, ob es früher Morgen oder schon Abend war. Ich ließ noch mehr Zeit verstreichen und spitzte dabei die Ohren, klapperte mit scharfem Blick die Umgebung ab.

Außer einem Reh mit Kitz, die friedlich grasten, war keine Bewegung von weiteren Lebewesen auszumachen. Nur ein leichter Wind schaukelte die üppig sprießende Natur. Langsam kroch ich auf den Kisten umher. Suchte sorgfältig nach einer Stelle, an der ich mit meiner Latte ein Loch aufbrechen könnte. Bei den ersten beiden Versuchen lachte mich die stabile Wagenkonstruktion einfach aus. Dann brach ich meine Latte ab. Zuckte bei dem Lärm des splitternden Holzes zusammen. Musste mich zuerst sammeln.

Ich ließ einige Minuten verstreichen. Spähte in die Runde und spitzte die Ohren. Es war immer noch nichts zu sehen und zu hören. An der hinteren Wagenwand stieß ich später auf zwei angefaulte Bohlen, die ich mit meiner rechten Pfote und dem dezimierten Holzstück in schweißtreibender Arbeit ganz langsam zerfaserte. Aber bis ein Durchschlupf für mich freigeschaffen war, vergingen Stunden. Immer wieder musste ich verschnaufen und neue Kräfte sammeln. Ich war doch noch recht schwach auf der Brust.

Die Dämmerung hüllte meinen Waggon langsam ein und griff  nach dem dunklen Mantel der Nacht. Draußen erwachten die vielstimmigen Geräusche der Finsternis, schützten mich bei meiner Abbrucharbeit. Die Finger meiner rechten Hand hatte ich schon blutig gerissen. Ich spürte es nicht. Ich wollte nur noch raus aus meinem Käfig. Und dann war der Durchschlupf groß genug, dass ich mich hindurchzwängen konnte.

Mit gewaltiger Anstrengung mobilisierte ich meine letzten Energien und schlängelte mich durch die Öffnung. Plumpste unsanft ins harte Steinbett der Bahngleise. Dann verließen mich die Kräfte.

Unbeschreibliche Schmerzen in meiner linken Körperhälfte scheuchten mich aus der dumpfen Benommenheit. Es war etwas kühler geworden und ich zitterte vor Erschöpfung. Am Horizont schob sich ein blasser Mond mit silbernem Schleier hinter einer pausbäckigen Wolke hervor.

Ich versuchte mich zu orientieren. Hatte keinen blassen Schimmer, wo ich mich befand. Am rückwärtigen Horizont vermeinte ich einen blassen Lichtschimmer auszumachen. Mit wackligen Beinen stolperte ich über eine Wiese in  Richtung des hellen Streifens. Ein nutzloses Unterfangen. Querfeldein in der Nacht das machte keinen Sinn. Also machte ich kehrt, schleppte mich zum Güterzug zurück.

Und dann vernahm ich das barbarische Schnarchen. Irgend jemand in der Nähe der Bahngleise sägte einen riesigen Waldbestand ab. Mir gefror das Blut in den Adern. Wenn dieser Jemand mich bei meiner Befreiungsaktion ertappt hätte? Dann wäre ich wohl aufgeflogen und ... ich mochte mir das gar nicht ausdenken. Alle meine Überlebensinstinkte aus fünf Jahren Kriegseinsatz nahmen mich in fürsorgliche Regie. Ich entfernte mich vorsichtig, meine Geräuschkulisse auf ein Minimum eindämmend. Schlich mich parallel zum Schienenverlauf aus der Reichweite des Schnarchers. Mir war plötzlich klar, dass dort ein Wachposten sägte. Der Güterzug musste einfach bewacht sein bei der heiß begehrten Fracht. Und bestimmt war der Schnarcher nicht allein auf Posten. Ich wurde noch vorsichtiger. Sicherte nach jedem Schritt. Kam auf diese Weise nur sehr langsam vorwärts. Machte aber noch zwei weitere Schnarchzapfen aus. Ließ endlich den Zug hinter mir und schwenkte zu den Gleisen zurück.

Früher oder später musste ich an eine Behausung kommen. Bahnlinien verbanden schon immer Dörfer und Städte miteinander. Mit ganz weichen Beinen schleppte ich mich weiter. Suchte verzweifelt in der Dunkelheit nach einem Gebäude, einer Hütte oder einem sonstigen Unterschlupf. Doch weder links noch rechts zeigte sich der Schatten von einem Bauwerk. Nur Sträucher und Bäume grüßten kühl rauschend aus der Dunkelheit. Und irgendwann stürzte die Hütte auf mich zu!

Als ich aus meinem Erschöpfungsschlaf in den Tag kletterte, stand die Sonne schon über dem Zenit. Vorsichtig spähte ich durch eine Ritze zwischen den Brettern aus dem fensterlosen Schuppen in die Umgebung. Sicherte wie ein scheues Reh. Nichts war zu sehen. Auch der Güterzug war weg.

Hatte ich alles nur geträumt?

Das konnte und durfte nicht sein. Ich wand mich vorsichtig aus meinem Unterschlupf. Stakste auf den Schwellen der Gleiselangsam vorwärts. Konnte bald eine Ansiedlung ausmachen, die sich hinter einer leichten Erhebung in der Landschaft verlor. Ohne mein Dazutun beschleunigten meine Schritte von selbst. Die letzten zwei hundert Meter rannte ich holpernd und stolpernd, mit letzter Kraft querfeldein. Näherte mich einem stattlichen Hofgut. Zwischen den Gebäuden war eine riesige Tafel aufgebaut, die sich unter Speisen und Getränken bog. Die Hofgemeinschaft feierte vergnügt ein Fest.

Als die fröhliche Gesellschaft die zerrissene Gestalt mit dem unförmigen Verband bemerkte , erstarb gespenstisch jeder Laut. Ich aber war am Südzipfel all meiner Energien angekommen. Kippte um wie ein gefällter Baum.

Von den Feierlichkeiten zur bedingungslosen Kapitulation an diesem 9. Mai 1945 hatte ich nichts mitbekommen. Den restlichen Tag und die darauf folgende Nacht hatte ich in dem Hofgut bei Leopoldsdorf im Marchfelde, tief und fest durchgeschlafen. In einem weichen, sauberen Bett.

Als ich erwachte, saß ein Arzt an meiner Seite und begrüßte mich herzlich in waschechtem österreichischem Schmäh. Ich war frisch verbunden und fühlte mich prächtig. Hatte einen Mordshunger. Wurde fürstlich bewirtet und dann in ein Lazarett nach Wien gebracht.

Vier Tage später durmelte ich aus der Narkose in mein Krankenbett zurück. Ein Ärzteteam hatte in vier ein halb stündiger Operation mein ‘russisches Oberarmflickwerk’ -wie ich diese arroganten Halbgötter in Weiß für diese Abqualifizierung hasste- in Form gebracht und letzte Knochensplitter entfernt. Am Bett saß eure Mutter mit eurem ältesten Bruder im Arm.

 

 

 

Epilog

Anfang Mai 1988 reiste ich mit meinem Vater in die Ukraine. Die Hütte seiner 'Wiedergeburt' fanden wir nicht mehr. Ludmilla und Pjotr waren zwischenzeitlich beide verstorben. Auf dem kleinen Friedhof des Dorfes ließ ich meinen Vater allein. Es dauerte Stunden, bis er wieder bei mir auftauchte, mich ohne Worte in die Arme nahm und bitter weinte. Als er sich aus meinem Arm löste und ohne Scheu seine Tränen abwischte, sagte er mit belegter Stimme, “jetzt kann ich gehen!”

Und noch im Mai ging er von uns.





Autor: einfach-mehr

Datum: 01.01.2010 - 01:00

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