





Seenot
Wir schreiben das Jahr 1979 und ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt darüber, wie ruhig und gelassen meine Familie vor einem Kurzurlaub ist. Na ja, Urlaub ist vielleicht übertrieben. Aber 1 ½ Tage in unserer Ferienwohnung auf der Ostseeinsel Fehmarn ist immer noch besser als gar nichts.
Es ist erst eine knappe Stunde nach der, irgendwann mal angedachten, Abfahrtszeit. Schwester ist oben am Packen, ich hab meine Tasche im Flur stehen und lese die Fernsehzeitung, meine Mutter kümmert sich um den Reiseproviant und mein Vater ist auf dem Klo. "Wo ist denn dein Vater?" "Oben, im Büro." "Was macht der denn da schon wieder so lange?" "Ich nehme an, er thront noch einmal ganz in Ruhe." Ich lausche, auf so ziemlich jede weitere Frage vorbereitet, aber nichts. Einen ganz kurzen Moment überlege ich, ob die Stille ergründet sein will. Ist meine Mutter durch ein weiteres, Abfahrt verzögerndes, Problem abgelenkt? Oder lässt sie tatsächlich das Thronen meines Vaters als Grund für sein nicht sofortiges Erscheinen gelten? Schnell fällt meine Entscheidung, ich kann auch ohne Klärung dieser Frage sehr gut weiter leben. Da Mami sich alleine in der Küche aufhält und ihre Zurufe an die einzelnen Familienmitglieder nicht zwingend deren persönliche Anwesenheit oder Reaktion bedürfen, wende ich mich wieder meiner Lektüre zu. Die nächsten 10 Minuten wird eh nichts passieren, ich bin entspannt.
11 ½ Minuten später, ich bin durch die ständigen zu mir herüberklingenden Selbstgespräche aus der Küche auf dem neuesten Stand unserer Essensliste, kommt meine Schwester in den Flur, stellt ihre Tasche ab und gesellt sich ohne viele Worte zu meiner Mutter. Dort wird der gesamte Speisenplan noch einmal im Schnelldurchlauf herunter gerattert. "Meinst du, wir haben alles?" "Ich glaube schon." Ich glaube schon. Typisch meine Schwester. Natürlich weiß sie es! Meine Mutter hat noch nie etwas vergessen. Aber so kann Mami noch einmal darüber nachdenken und das Gespräch erhält eine gewisse Existenzberechtigung.
Weitere 2 Minuten später betritt mein Vater den Flur, greift sich den Autoschlüssel und fragt mich, ob schon alles zum einladen bereit ist. Ich bejahe, lege die Zeitung weg und begleite Papi, beladen mit den ersten Sachen aus dem Flur, zum Auto. Er widmet sich gleich seinem Kofferraumbeladungssystem, ich hole die restlichen Taschen aus dem Haus und Mami und Schwester reihen sich mit diversen Tüten und Kartons aus der Küche nahtlos in die Lastenkarawane ein. Alles wird am Auto abgeladen. Keine der Frauen verschwendet auch nur einen einzigen Gedanken daran, wie dieser Berg an Gepäck, der seltsamerweise immer gleich groß ist, ob wir nun für 1 Tag, 1 Woche oder 1 Monat verreisen, jemals in den Wagen gelangen soll. Jeder hat seinen Part, und Papi´s Kofferraumbeladungssystem wird auf ewig sein Geheimnis bleiben. Als letztes kommen die Jacken, Kofferraum zu, Licht im Haus gelöscht, Haustür versperrt und ziemlich genau 15 Minuten nachdem ich begonnen habe, mich zu bewegen, sitzen wir alle im Auto und rollen vom Hof. Und da frage ich mich noch, woher mein systemisches Denken und Handeln kommt.
Gute 400 Kilometer liegen vor uns. Es ist Freitag, später Nachmittag und die Autobahn ist nicht besonders voll. Wir werden wohl nicht länger als 4 ½ Stunden brauchen. Mein Vater fährt, Mami neben ihm, Schwester und ich auf der Rückbank, eben die klassische Sitzverteilung. So, und hier muss ich die Erzählung leider kurz unterbrechen, um nach 400 Kilometer und guten 4 Stunden, bei unserer Ankunft auf der Insel, den Faden wieder aufzunehmen. Warum diese Lücke im chronologischen Ablauf? Ganz einfach! Ich kann gar nicht sagen, wie viele tausende von Kilometern und hunderte von Stunden ich gemeinsam mit meiner Familie in Autos verbracht habe, aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was wir auf unseren Fahrten gemacht haben. Haben wir uns unterhalten, gelesen, gespielt oder beim Lauschen der Musik nur monoton aus dem Fester gestarrt? Haben wir jemals die Berge an Essen im Auto vertilgt, und wenn ja, wer hat was gegessen, war es beim Fahren oder haben wir Pausen gemacht? Ich könnte noch jeden Proviantkorb genau beschreiben, wie er in der Küche steht, dann von Mami in den Fußraum des Beifahrers gestellt wird und sie dann immer 3-5 Versuche brauchte, bis der Sitz sowohl für den Korb, als auch für die Beinfreiheit meiner Schwester, optimal eingestellt war. Und dann kommt nur noch Leere. Es sind mittlerweile Tage angestrengten Grübelns vergangen, aber ich kann es einfach nicht in meine Erinnerung zurückholen. Natürlich habe ich in der Zwischenzeit meine Familie gefragt, die wissen es aber auch nicht. Ob diese familiäre Gedächslücke eine tiefe spirituelle Bedeutung hat oder ob wir einfach kollektiv unsere Hirne für wichtigere Dinge frei schaufeln, darüber sei ein anderes Mal geschrieben.
Um 22 Uhr parken wir vor dem Haus Nummer 4 in unserer Straße. Alle Fenster sind dunkel, wir sind also alleine im Haus. Die Gepäckstücke gelangen mit der gleichen Präzision wie beim einladen, nur auf umgekehrtem Wege, in unser Feriendomeszil. Alles hat seinen Platz, jeder Handgriff sitzt, ein eingespieltes Team.
"Und, wollt ihr zwei noch zum Südstrand, schauen, ob das Meer noch da ist?" Wie sehr ich meine Mutter für dieses Ritual liebe. Als wir noch klein waren, hatte meine Mutter die Wohnung während des Auspackens und Einräumens am liebsten für sich alleine. Aus diesem Grunde stellte sie uns damals die Frage: "Da wir so lange nicht mehr hier waren, seid ihr euch eigentlich sicher, dass das Meer noch das ist?" Natürlich waren wir es nicht. Also packte meine Schwester meine Hand und zog mich, mit den bedauernden Worten an meine Mutter gerichtet, dass es jetzt sehr dringend sei, nach dem Meer zu schauen und wir ihr darum leider nicht beim Auspacken helfen können, aus dem Haus. Ich bin jetzt 15 und meine Schwester wird dieses Jahr sogar schon volljährig, aber diesen Weg zum Südstrand machen wir bis heute immer noch als Erstes, wenn wir auf die Insel kommen.
Wir ziehen uns dicke Pullis und unsere Windjacken an. Mittlerweile ist es kurz vor 11 und die Nächte sind noch frisch. Beim Heraustreten aus dem Haus, atmen wir einmal tief durch und saugen die klare, kühle Luft ein. Irgendwie ist es hier in der Nacht immer etwas dunkler als bei uns zu Hause. Oder vielleicht auch irgendwie anders dunkel. Gibt es das, ein anderes Dunkel? Und das, obwohl der ganze Himmel mit Millionen von Sternen übersät ist. In unserer Heimatstadt kann man nicht mal ein Zehntel der Sterne sehen. Müsste es dann nicht heller sein? Irgendwie ist man auf dieser Insel dem Himmel näher und ferner zugleich. In Gedanken ganz in diesem "Irgendwie" versunken, schlendern wir schweigend unsere Straße zum Binnensee hinunter. Es ist vollkommen windstill, wie so oft um diese Zeit. Die ersten Böen kehren erst nach Mitternacht zurück und bilden bis zum Sonnenaufgang die kleinen Stürme, mit denen hier der Tag beginnt. Die beste Zeit zum Surfen. Als wir um den Binnensee herum sind, auf der Seite des Jachthafens, entscheiden wir, uns kurz bei der Hafenmeisterei über das morgige Wetter zu informieren. Also, genauer gesagt, Schwester schaut, ob es Regnen wird und wie hoch die Temperaturen werden. Ich hingegen schaue, wann welche Windstärken erwartet werden und aus welchen Richtungen. Damit ist wohl jedem klar, dass Schwester und ich unsere Strandtage nicht wirklich gemeinsam verbringen (außer – es ist kein Wind). Meine Schwester ist nicht ganz zufrieden, denn trotz Sonnenschein soll es nicht wärmer als 220 werden. Außerdem sind über 4 Windstärken angesagt, in Böen sogar bis 6. Das heißt für Schwester, sie muss sich auf jeden Fall einen windgeschützten Platz sichern, um den Tag einigermaßen komfortabel verbringen zu können. Für mich ist mit dieser Wettervorhersage das Wochenende gerettet.
Der Jachthafen liegt an der Binnenseeseite einer künstlich aufgeschütteten Landzunge. Auf der anderen Seite ist der Südstrand. Dort finden wir jetzt, zum Glück, das Meer. Es liegt vollkommen regungslos vor uns, eine schwarze Platte, deren Grenze zum Horizont, durch die Reflexionen der Sterne, nicht zu erkennen ist. Alle 6-700 Meter durchziehen aus riesigen Findlingen und Holzpfählen aufgetürmte Wellenbrecher diese Platte, wie nicht enden wollende Risse. Absolute Stille, nicht einmal eine Möwe ist zu hören, Wir reden nicht. Wir sind eins, wie so oft. Langsam gehen wir zur Spitze der Landzunge, die die eine Seite der Fahrrinne zum Fischereihafen bildet und wo der Binnensee auf das offene Meer trifft. Am gegenüberliegenden Ufer liegt ein Campingplatz im Tiefschlaf. Die Nacht ist so klar, man kann jeden einzelnen Wohnwagen bis ins kleinste Detail erkennen, trotz absoluter Dunkelheit. Das meine ich, mit dieser irgendwie anderen Dunkelheit.
Auf dem Weg zurück erzähle ich von meinem letzten Wettkampf. Meine Schwester folgt meiner ausschweifenden Berichterstattung mit ihrer nicht enden wollenden Geduld. Sie war noch nie mit zu einem Wettkampf, Leichtathletik interessiert sie nicht wirklich. Genauso wenig wie Stepptanz oder Chormusik. All meine Leidenschaften, die meine Freizeit völlig ausfüllen und durch die ich ständig auf Reisen bin. Und doch, obwohl diese Leidenschaften wirklich rein gar nichts mit meiner Schwester zu tun haben, eins weiß ich; was sie interessiert, bin ich. Manchmal habe ich das Gefühl, Schwester braucht all diese Dinge nicht selber zu erleben. Sie ist durch meine euphorischen und detailgetreuen Erzählungen oft näher dabei, als ich.
Gerade überhole ich die zwei Führenden des 800 m-Laufes beim Ausgang der Kurve vor der Zielgeraden, da erreichen wir unser Haus. Es sind zwar nur noch 100 m, aber es benötigt noch weitere 30 Minuten, um die Strategie zu erklären und vor allen Dingen, die Spannung vollständig rüber zu bringen. Wir haben beide schon kein Gefühl mehr in den Fingern, doch so ein Erlebnis darf auf gar keinen Fall unterbrochen werden. Aber auch bei mir ist irgendwann ein 800 m-Lauf zu Ende und wir gehen hinein. Im Wohnzimmer ist der Fernseher an, es läuft ein Tatort. Mami und Papi haben es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht. Als wir rein kommen, fragt meine Mutter allen Ernstes, ob das Meer noch da ist, wo wir es beim letzten Mal zurück gelassen haben. Sie macht sogar den Anschein, wirklich beruhigt zu sein, als wir unseren, was das Meer anbelangt, positiven Bericht abgeben. Alles Andere, was wir erlebt haben, braucht nicht wirklich erwähnt zu werden. Diese ganz speziellen Inselmomente kennen meine Eltern zu genüge. Auch ist mein Vater bei allen meinen Wettkämpfen dabei (er trainiert meine Mannschaft sogar im Staffellauf) und Mami chauffiert mich zu jedem Konzert in der näheren Umgebung. Wenn Papi Zeit hat, ist er auch Zuschauer bei Tanzveranstaltungen oder Konzerten und Mami ist immer mal wieder bei nationalen Meisterschaften dabei. Daher gibt sich die ganze Familie nun dem Krimi hin. Zum zwischen durch Naschen gibt es Käse und Wallnüsse, Papi genehmigt sich guten Cognac und Mami und Schwester haben sich einen trockenen Weißwein aufgemacht. Ich trinke Orangensaft. Das mit dem Alkohol ist erst später bei mir angekommen. Es ist weit nach 1 Uhr, als meine Eltern ins Bett gehen. Schwester und ich können natürlich noch nicht genug bekommen. Ich vom Erzähle und Schwester vom Zuhören. Die hier erzählten Geschichten ließt Du einfach in anderen "Abschnitten" meines Lebens. Gegen 4 Uhr gehen auch wir schlafen.
Ich komme nur sehr langsam zu mir. Claudia fragt gerade, ob ich vielleicht doch irgendwann mal aufstehen will und noch irgendwas wie, schon zum 5. mal oder so und das es jetzt das letzte mal wäre, dann würden sie den Frühstückstisch abräumen. Ich bin hin und her gerissen. Meine Träume kenne ich nicht, aber so schlimm können sie nicht sein, denn ich schlafe so gerne. Die reale Welt dringt nur ganz zaghaft zu mir durch. Einfach liegen bleiben und nichts mehr spüren, mein Schlaf ist so leicht, oder doch schwer, ich weiß es nicht. Mein Hunger und die Aussicht, dass ich wohlmöglich bis mittags nichts mehr zu Essen bekomme, treiben mich dann doch aus dem Bett. Beim Gang ins Bad mache ich besonders viel Krach, das gibt mir noch einmal eine viertel Stunde Aufschub, bevor der Rest der Familie mich ca. 10 Minuten damit attackiert, wie man nur so lange schlafen kann, das der Kaffee jetzt eh kalt ist und man eigentlich den Tag schon geplant haben wollte. Das ging ohne mich natürlich nicht und so bin ich schuld, dass die ganze Familie noch völlig orientierungslos ist, was den restlichen Tag anbelangt. Nachdem ich mein erstes Brot, mit dem extra nur für mich von meiner Mutter besorgten Käse bestrichen, gegessen, den kalten Kaffee ohne Kommentar genossen und mit meinem Vater über die Wetterprognose debattiert habe, bin ich wieder vollwertiges Mitglied der Familie.
Das ist auch wichtig, da die Anderen doch allen Ernstes als erstes mal einen Spaziergang an der Steilküste ins Auge gefasst haben. Nicht dass ich nicht gerne spazieren gehen würde, aber damit wären wir nicht vor 14 Uhr am Strand. Die Windstärke hätte gerade ihren Tiefpunkt erreicht und würde diesen für mindestens 3 Stunden halten, absolut vergeudete Zeit. Mir muss jetzt sehr schnell ein sehr gutes Argument einfallen, welches meine Familie davon überzeugt, dass es für alle das Beste wäre, sich in der windstillen Zeit zu bewegen und bei Sturm am Strand zu liegen. Leider ist für diese Überzeugungsarbeit eine weitere Tatsache etwas hinderlich. Man sollte immer an dem Strand der Insel surfen der, laut Vorhersage und der überall aufgestellten Fahnen, anlandigen Wind hat. Dadurch ist gesichert, dass bei Kontrollverlust des Bords oder schwindenden Kräften, man immer an Land getrieben wird und nicht auf die offene See. Dieser anlandige Wind vertreibt in der Regel, ab einer gewissen Stärke, auch alle Sonnenanbeter vom Strand. So hat man in den Pausen zwar immer genügend Platz für sein Material, nur wie umschreibe ich diesen, Für Surfer optimalen Zustand, jetzt positiv für meinen Lieben?
Während ich hierfür noch nach schönen Worten suche, die einen erfrischenden Strandtag beschreiben, fragt Schwester plötzlich: "Sollten wir nicht als Erstes mal das Board runter holen?" Und darauf Mami: "Wo wollt ihr es denn hinlegen?" Das ist meine Rettung. "Wir können es ja gleich zum Strand bringen, dann liegt es nicht hier im Garten. Und nach dem Surfen lasse ich es einfach beim –Surfers Huck-." Mein Vorschlag wird nicht nur ohne weiteren Kommentar angenommen, es beginnen auch gleich alle, diesen sofort in die Tat umzusetzen. Mami fängt an, den Frühstückstisch abzuräumen, Papi packt seine Fotoausrüstung zusammen und Schwester macht sich mit mir auf den Weg zum Dachboden. Das Leben ist eben nur im Kopf schwer.
Heute, wo ich die Geschichte schreibe, würde man mit einem Weg das Bord und den kleinen Utensiliensack ratz fatz unten haben. Damals waren die Dimensionen des Materials noch etwas anders.
Ich habe vor ca. 9 Monaten alles zusammen von einem Schulkameraden gebraucht gekauft. Mein Material gehört jetzt schon, glaube ich, zu den ältesten Surfboards, die noch bewegt werden. Milchkuh, wie ich mein Board liebevoll nenne, ist alleine gute 3 Meter lang. Vom Gewicht will ich hier gar nicht reden. Ein kleines Segelboot ohne Reling. Mast, Mastfuß und Gabelbaum sind aus Holz und das Segel (gutes gewachstes Leinen) mit seinen Segellatten wiegt mehr als die neuzeitigen Bords mit ihrem Segelzeug gemeinsam. Als ich vor 1 Jahr meinen Segelschein machte, haben wir noch den Knoten gelernt, mit dem man die beiden gebogenen Holzstangen vorne und hinten zu einem Gabelbaum vertäut. Erschwerend kommt hinzu, dass die Klappe zum Dachboden, die sich an der Decke des Treppenhauses befindet, zu der von der Treppe abgewandten Seite auf geht. Damit stehen die Füße der Klappleiter nicht ganz 1 Meter von der Wand entfernt. Jeder, der das Board sieht, die Leiter sieht, sagt sofort, das kann gar nicht gehen. Und es geht doch. Vielleicht, weil wir es uns, bevor wir es das erste Mal getan haben, eben nicht angesehen haben. 20 Minuten später war alles unten und auf dem Autodach verzurrt.
Der Parkplatz ist nicht sehr weit von unserem Lieblingsplatz entfernt. Zuerst wird sich mal in einer Dünenmulde häuslich eingerichtet. Hier am Freistrand gibt es keine Strandkörbe und die Dünen sind eher kleine Sandhügelchen. Es ist also besonders wichtig, genau die Stelle in der Mulde zu finden, an der am wenigsten Wind ist. Diese Stelle ist heute sehr klein und der "wenige" Wind weht heftig. Wie vorhergesagt kachelt es ordentlich, mein Herz geht auf. Langsam kommt es auch den Anderen, wir befinden uns an dem, für ein lauschiges Sonnenbad, denkbar ungünstigsten Strand der Insel. "Habt ihr denn gestern Abend nur auf die Windstärke und nicht auf dessen Richtung geachtet?" "Doch, schon", antworte ich meiner Mutter beschwichtigend, "aber dass er so stark ist und wirklich, gerade hier an unserem Stammplatz, so direkt aufs Land geht, das hab ich echt nicht gedacht." Pause, Abwarten, Mami denkt nach. "Na ja", kommt jetzt von Papi, "auf jeden Fall ist es fürs Surfen am sichersten!" Und wieder löst sich ein Problem ohne mein Zutun. Man, ich wusste, dass es irgendwann mal von Nutzen sein würde, dass mein Vater den Theorieteil der Surfprüfung mit mir gepaukt hat. Während er mich abfragte, hätte ich ihn zwar am liebsten gewürgt, weil er nicht aufhören wollte, bevor nicht jede Antwort wie aus der Pistole geschossen kam. Dafür habe ich damals unendlich viele Wiederholungen gebraucht. Aber so ist dann wohl auch Vieles bei Papi hängen geblieben. Und das zahlt sich heute aus. Da die Sicherheit der Jüngsten vor allem Anderen steht, ist so jede weitere Diskussion hinfällig. Man macht sich gemeinsam daran, das Beste aus der Lage zu kreieren. Mami sichert alle Strandtücher mit Taschen, Schuhen und was sie sonst noch findet, Schwester und ich bauen aus Sand, Wasser und Steinen einen Windschutzwall und Papi bringt seine Fotoausrüstung in Sicherheit. Durch den Wall ist jetzt jegliche Sicht auf das Meer genommen, dafür spendet er für 4 Personen ausreichend Schutz vor dem immer heftiger werdenden Wind.
Ich liebe ja Wind. Aber ein in heftigen Böen völlig unvorhersehbar daher kommender, mir mit 5-6 Windstärken Sand und das sauschwere, harte Segel an so ziemlich jedes Körperteil schlagender, stellt diese Liebe auch bei mir auf eine harte Probe. Irgendwie scheint sich das Segel etwas verzogen zu haben, ich brauche alleine zum Masteinschieben ewig. Sowohl bei den Gabelbaumlatten als auch beim Mastfuß sind so irrelevante Kleinigkeiten wie die Imprägnierung quasi nicht mehr existent. Allein der Mastfuß ist mit Begriffen der heutigen Surftechnik nicht mehr zu beschreiben. Aber soviel sei gesagt, das Gelenk ist aus zwei ineinander geschlungenen Metallteilen und eine Polsterung um das Gelenk herum (als Schutz für die Füße des Fahrzeugbetreibers) gibt es nicht. Gute 45 Minuten später, um diverse Blutergüsse reicher und im Grunde reif für das erste Erholungsschläfchen, habe ich meine Milchkuh abfahrbereit. Damit kommen wir zum Ankleidungsprozedere des Surfers selbst. Dies startet mit der Entscheidung, ob die trockene oder die nasse Variante zelebriert wird. In trockenem Zustand ist jeder Neoprenanzug zu klein. Es bedeutet einen enormen Kraftaufwand, man fühlt sich nach vollbrachter Tat wie die Wurst in der Pelle und an Atmen ist nicht mehr zu denken. Der Vorteil liegt beim Einstig ins Wasser. Der Schaumstoff im Inneren des Anzuges saugt sich langsam und eisig von unten nach oben mit Wasser voll. Dieses erwärmt sich durch die Körpertemperatur nach wenigen Augenblicken und man ist von einem wohlig warmen Schutz umhüllt. Auf die körperlichen Abläufe durch den schleichenden Wechsel zwischen Kalt und Warm und die dadurch beim Träger aufkommenden Empfindungen, kann ich hier leider nicht weiter eingehen, sonst bliebe diese Geschichte nicht jugendfrei. Ich nenne es daher einfach nur -echt nett-. Bei der nassen Variante ist das Hineinkommen in den Anzug auf jeden Fall leichter, aber man will nicht wirklich rein. Kalt, glitschig und schwabbelig kommt er daher, überall am Körper. Wenn man erst mal drin ist und ihn verschlossen hat, tritt wieder der Wärmeeffekt ein, aber die Zeit, bis dahin, erschein unendlich. Trotzdem entscheide ich mich für die Ekelversion, da ich bis jetzt schon genug Kraft vergeudet habe und beim Surfen ohne Trapez (die gab es schon, ich hatte nur keins) noch reichlich davon brauchen werde. Eine kurze Verabschiedung bei meinen völlig entspannten Sonnenanbetern und ich bin samt Board auf dem Weg Richtung offene See. Es ist zwar schon fast Mittag, aber der Wind scheint sich, entgegen aller Vorhersagen, in Richtung und Stärke zu halten. Die nächsten Stunden können nur genial werden.
Wer nun glaubt, dieser Weg beginnt surfend ab Strandende, der hat weit gefehlt. Nein, ich ziehe mein Board erst einmal gehend und dann schwimmend bis auf rund 100 m vom Land weg. Die ersten Meter sind notwendig, weil mein Schwert (natürlich auch aus massivem, nicht mehr imprägniertem Holz) einen so großen Tiefgang hat, dass ich es erst nach guten 50 m ganz ins Board schieben kann, den weiteren Abstand zum Land verwende ich als Pufferzone für den Start. Zum Einen ist die Strömung und der Wellengang ähnlich stark wie der Wind und zum Anderen ist mein Segel nicht nur verzogen, sondern auch etwas ausgeleiert. Dadurch lässt es sich nicht mehr vollständig trimmen, bleibt leicht bauchig und die Windkraft wird dadurch viel stärker aufgenommen. Und zu guter Letzt hängt die Spitze des Mastes, entsprechend seines Gewichtes, fast 1 m unter der Wasseroberfläche. Ich ahne schon, es wird ein Kampf gegen Naturgewalten und Material. Bis ich mich alleine aufs Board gewuchtet habe, sind wir beide schon wieder 10 m zurück getrieben. Aber egal, Zähne zusammen beißen, mit einem Ruck das Segel hoch, auf dem Board weit zurück, Gabelbaum anziehen und mit dem gesamten Körpergewicht gegen die sofort ins Segel knallenden Kräfte legen. Und ab dafür. Ich fahre optimal am Wind und erreiche schnell eine irre Geschwindigkeit. Wer Milchkuh so am Strand liegen sieht, kann sich nicht vorstellen, mit welcher anmutigen Leichtigkeit sie über die Wasseroberfläche gleitet. Das Meer liegt grasgrün und klar unter mir. Die riesigen Wellen sind völlig willkürlich auf- und abwabende Hügel mit endlosen Steigungen. Ihre Oberfläche ist völlig glatt und kräuselt sich nur, um die nächste Böe anzukündigen. Zur Böe lege ich meinen Körper fast bis ins Wasser. Am Anfang bedarf es noch enormer Konzentration, das Abflauen des Windstoßes nicht zu verpennen. Aber schon nach kurzer Zeit passiert alles automatisch, Ich bin ein Teil des Ganzen, und das bringt mich vorwärts.
Die Zeit vergeht wie im Flug. Durch das ausschließliche Kreuzen spüre ich langsam, dass meine Reserven schwinden. Gerade ziehe ich in Erwägung, den Rückweg anzutreten, da passiert es. Das Segel ist Steuerbord, ich fahre also gerade Backboardbug leicht nach links am Wind, als es mir plötzlich, von 1 Sekunde zur anderen, mit voller Wucht von hinten ins Segel bläst. Diesem überraschenden Druck habe ich nichts mehr entgegen zu setzen. Das Segel reißt mir aus meinen Händen und knallt auf die Wasserfläche. Die dadurch sofort folgende Vollbremsung von Milchkuh schmeißt mich, wie in Zeitlupe, direkt hinterher. Bäuchlings auf dem Segel, aber unter Wasser strampelnd, gehen Oben, Unten, Rechts und Links kurzzeitig verloren. Das Salzwasser brennt in den Augen und schmeckt seltsam bitter. Wirklich Panik kommt nicht auf, obwohl ich sehr wohl weiß´, dass Atmen für den Menschen unter Wasser nicht wirklich funktionier. Ich muss kurz weg vom Bord, Bein- und Armfreiheit erlangen und dann hoch. Keine Ahnung, wie lange ich dafür gebraucht habe. Aber da ich nicht ertrunken bin, muss es sich ungefähr in der Zeitspanne abgespielt haben, die man ohne Sauerstoff auskommt. Endlich Kopf über Wasser, muss ich feststellen, dass mein Board schon mehrere Meter von mir weggetrieben ist. Also, letzte Anstrengung und nachgekrault. Sind sich schon mal mit Neoprenanzug gekrault? Warum, bitte schön, mach ich mir jetzt allen Ernstes Gedanken darüber, wie bewegungsunfähig das wohl gerade aussieht? Egal, es lenkt ab von der Gesamtsituation. Endlich angekommen ziehe ich mich mit letzter Kraft hoch, lege mich längs aufs Board und entspanne. Das Auf- und Ab schaukeln durch den Wellengang und natürlich die letzten Sunden machen mich schläfrig. Kurz vorm Einnicken dämmert mir, ich bin noch nicht ganz am Ende meiner Reise, geschweige denn, im Bett.
Schon beim Aufsetzen wird mir klar, ich habe ein Problem. Meine Insel ist kaum mehr zu sehen, die Strömung treibt mich aufs offene Meer raus und auch der Wind hat gedreht. Er hat zwar inzwischen reichlich abgenommen, fällt dadurch aber als Hilfe zum Fahren gegen den Wellengang komplett aus. Um unsere Insel gibt es sehr viele solcher Strömungswechsel, die ich von Seekarten fast alle kenne. Ich war mir nur nicht bewusst, dass ich mich schon so weit draußen befinde. Da sitze ich nun, alleine mit Milchkuh auf hoher See und versuche mich an das im Surfkurs gelernte "Verhalten in Notsituationen" zu erinnern.
Nie das Board verlassen, Mastfuß raus, Segel zur Gabelbaum spitze drehen, Trimmschot lösen, Segel zum Mast rollen, Gabelbaum zur Mastspitze klappen, Segel und Gabelbaum mit Tampen an Mast verzurren, alles aufs Board und mit dem Schwert nach Hause gepaddelt. Da ist es ja wieder. Alles ganz klar, und so einfach. Ich gehe gleich ans Werk. Man hat beim Definieren dieses Notfallplanes leider nicht bedacht, dass es Mastfüße gibt, die mit der Zeit aufquellen. Der erste Versuch, ihn aus dem Board zu ziehen endet damit, dass ich rücklings über Bord gehe. Das mit dem, man soll das Board nie verlassen, ist demnach nicht ganz so leicht. Nach mehreren Fehlschlägen wird mir klar, ich muss unbedingt das Segel aus seiner Schräglage (die Mastspitze befindet sich um 2 m unter der Wasseroberfläche) bringen, sonst geht der Mastfuß nie heraus. Dafür muss ich nun erneut vom Board, soviel zu Theorie und Praxis. An der Mastspitze angekommen erfolgt der erste Tauchgang, der abrupt abgebrochen wird, da sich ein Quallenschwarm zu mir gesellt hat. Die haben scheinwahr nicht vor, mich in der nächsten Zeit zu verlassen. Wenn sie Gesichter hätten, würde man bestimmt ihr Grinsen sehen. Na, dann eben nicht, muss meine Angst vor diesen glibberigen Dingern halt zurückstecken. Unten, an der Mastspitze angekommen, drücke ich mit aller Kraft das Segel hoch und schiebe es zur Bugseite aufs Board. Wieder auf dem Board kniend löst sich endlich der Mastfuß. Zwar so überraschend, dass er auf seinem Weg meinen Anzug zerreißt und mein Knie aufschlägt, aber da kann ich mich jetzt nicht drum kümmern. Durch die Kälte und Anstrengung ist mein Körper eh vollkommen gefühllos. Ich drehe gerade dass Segel, um an die Gabelbaumspitze zur Trimmschot zu kommen, da fallen mir meine Segellatten ein. Bevor an ein Einrollen zu denken ist, müssen die erst mal raus. Gut, ich habe ja sonst nichts anderes zu tun. Um beide Hände frei zu behalten, stecke ich sie hinten in meinen Anzug, der Reste läuft dann fast wie aus dem Lehrbuch. Immer wieder schaue ich zwischen durch zur Insel rüber, damit ich die Orientierung nicht verliere. Die mittlerweile untergehende Sonne hilft auch etwas. Alles ist verzurrt und auf dem Board. Nur noch das Schwert zum Paddeln und es geht heimwärts. Das hat nur genauso wenig Lust, Milchkuh zu verlassen, wie vorher der Mastfuß und durch Mast, Segel und Gabelbaum habe ich nun noch weniger Bewegungsfreiheit als vorher auf dem Board. Es wird langsam dunkel und ich zittere am ganzen Leib. Das kann natürlich nur die Kälte sein, warum sollte ich Angst haben. Gegen Unterkühlung hilft am Besten Bewegung. Ich entscheide mich, zu schwimmen. Den Bug in der einen Hand, die Segellatten im Kreuz und gegen die Strömung. Es wird etwas dauern, aber Ungeduld ist hier fehl am Platze.
Ich fasse es nicht, plötzlich sehe ich hier, so weit draußen, ein mir bekanntes Gesicht. Es ist mein Vater, der ca. 50 m vor mir auftaucht. Ich freue mich ja immer, ihn zu sehn, aber jetzt bin ich fast euphorisch. Ich rufe im zu und er richtet sich kurz auf, um mir zu deuten, dass er mich gesehen hat. Danach dreht er um und schwimmt zurück. Jetzt bricht bei mir endlich Panik aus. Aber alles Schreien hält ihn nicht zurück. Er ist nach wenigen Momenten aus meinem Sichtfeld verschwunden. Ich bin Fassungslos, verstehe gar nichts mehr. Eine kurze Verschnaufpause auf dem Board, schauen, ob er wieder zurück kommt, aber nichts. Das Rasten hat mich wieder zig Meter zurück geworfen. Gerade dem Aufgeben nahe, höre ich meinen Namen. Eine Frauenstimme, die ich sehr gut kenne; Mami. Durch unseren tollen Windschutzwall, haben sie lange Zeit nicht nach mir gesehen. Zu Anfang fielen die Stichproben, durch aufstehen und den Kopf in den Wind halten, immer positiv aus. Dann waren alle eingeschlafen. Beim nächsten Schauen war ich weg und auch mit Fernglas nicht mehr zu sehen. Schwester wurde direkt zur DLRG geschickt und meine Eltern machten sich sofort auf den Weg in die Richtung, in der mein Segel das letzte Mal am Horizont war. Eigentlich ein Wahnsinn, aber so sind Eltern nun mal, besonders meine. Was mit Papi los war, konnte sie mir nicht erklären. Er kam ihr entgegen und sprach kein Wort. "Vielleicht hat er Tiefenangst bekommen?" Wir können das jetzt nicht klären und entscheiden, gemeinsam mit Milchkuh zu schwimmen. Zu Zweit kommen wir recht schnell voran und doch wird die Insel nicht wirklich größer. Plötzlich lässt eine Lautsprecherdurchsage uns das Herz still stehen. Das kleine Boot vom Seenotrettungskreuzer richtet seine Scheinwerfer direkt auf Mami und mich. Als es näher kommt, sehe ich Claudia an Bord und weiß, jetzt wird es gleich wärmer. Die Bergung dauert nur wenige Minuten, nasse Sachen aus, Decken umgelegt und einen heißen Tee. Nach meiner Geschichte schauen sich die Männer von der Rettung Milchkuh an und schütteln synchron mit dem Kopf. Alleine das Segel würden sie nicht einmal mehr als Bettvorleger benutzen. Das schmerzt schon ein wenig. Bei Mami stellt sich langsam aber sicher der Schock ein. Das, was wäre gewesen wenn, nimmt völlig Besitz von ihr. Damit kümmern sich alle an Bord erst mal um sie. Schwester und ich genießen die Fahrt.
Normaler Weise kostet so ein Rettungsmanöver ein Vermögen. Aber im Hafen angekommen, fragt mich der Kapitän, ob ich ihnen Board und vor Allem das Rigg für das Surfmuseum überlassen würde. Natürlich, einen ehrenvolleren Platz kann es für Milchkuh schließlich nicht geben. Und damit waren auch alle Kosten gedeckt. Papi war mit dem Wagen gekommen und lud schweigend seine Familie ein. Zu Hause erzählte er uns dann von seinem Erlebnis. Er wusste nicht, dass er Tiefenangst hat. Beim Aufrichten sah er kurz an sich herunter in die Tiefe. Danach gab es nur noch einen Gedanken, zurück an Land. Noch während er erzählte, schlafe ich in seine Armen ein und wache erst am Mittag des folgenden Tages wieder auf. Mein ganzer Körperschmerzt, Bewegung ist kaum möglich. Es ist aber auch nicht nötig, meine Familie hat schon alles für die Abreise gepackt. Kaum im Auto, bin ich schon wieder komatös dahin.
Beim Abendbrot zu Hause kommt mir das ganze Wochenende so unwirklich vor. Waren wir wirklich gerade noch auf unserer Insel? Ist Milchkuh jetzt nicht mehr auf unserem Dachboden sonder im Museum? War ich in Seenot?
Ein ganz normaler Urlaub, der jetzt einfach nur zu Ende ist. Ich sitze zusammen mit meiner Familie. So soll es sein.
Autor: udde
Datum: 01.01.2010 - 01:00
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