





Eine Reise in die ehemalige DDR
Es war 1962
, meine Mutter bekam von meinem Onkel eine Einladung zu seiner Hochzeit. Die Einladung, von einem Amt, war auch wichtig, ohne sie hätten wir nie an der Hochzeit teilnehmen können, denn mein Onkel wohnte in Sömmerda
in der damaligen DDR. Ja und dann kam die Planung, was darf man alles mitnehmen. Als Raucher durfte ich sechs Päckchen mitnehmen, ob dies wohl für eine Woche reicht? Ostgeld mitnehmen war nicht erlaubt, aber da hatte ich eine sehr gute Idee und habe hier 100 DM umgetauscht in 400 Ostmark. Hatte mir damals eine Briefschreibmappe aus Postkarten selber gebastelt, die ich sogar noch heute habe. Also, vier bunte Karten mit einem Spezialstich zusammen genäht und innen hinein das Geld gesteckt.
Als dann der Tag der Abreise kam war ich schon etwas aufgeregt, denn eine Fahrt in den Osten war damals doch etwas anderes, als mal schnell nach Österreich oder nach Italien.
Stuttgart - Nürnberg - Hof, bis dahin war ja noch alles normal, aber schon vor der Grenze stiegen zwei Frauen und zwei Männer der Schutzpolizei dazu und als wir die Grenze überschritten hatten, hielt der Zug auf freier Strecke und wir mussten Pass, Einladung und Geldbeutel vorzeigen, auf die Frage nach Ostgeld verneinten wir und sagten dies würden wir dann in Erfurt machen und damit gaben sie sich dann zufrieden. Als wir dann in Erfurt
ankamen, da mussten wir umsteigen, standen wir auf dem Bahngleis und ich schaute mich neugierig um und auf einmal dachte ich sehe nicht richtig, wer steht da auf dem anderen Bahngleis ... Hans
, ein Freund aus der Jugendgruppe IG Metall. Hans war damals aus der DDR getürmt und ist dann nach zwei Jahren wieder zurückgegangen, denn sein Vater war ein hohes Tier dort und dadurch bekam er keine Schwierigkeiten. Ganz aufgeregt rief ich hinüber und Hans schaute auch mich an, als wäre ich ein Gespenst, dann machte er mir ein Zeichen in Richtung Ausgang. Meine Mutter und ich gingen dann vor und durch die Kontrolle durch und in der Bahnhofshalle habe ich dann Hans erst einmal begrüsst. Wir konnten es einfach nicht fassen, so ein Zufall, dass wir zur gleichen Zeit hier waren. Zuerst ging einmal die Fragerei los und da wir noch zwei Stunden Zeit hatten, bis unser Zug weiterfuhr, hat Hans uns zu einer Tasse Kaffee eingeladen, na ja man konnte ihn trinken. Auf der Toilette habe ich erst einmal die Briefmappe aus dem Koffer geholt und die drei Seiten aufgetrennt und das Geld heraus geholt und schenkte Hans noch eine Schachtel Zigaretten, über die er sich riesig gefreut hatte. Er erzählte mir dann dass er es schon bereut habe wieder zurück gegangen zu sein, aber jetzt kann er dies nicht mehr ändern, seine Familie hätte damals Probleme bekommen und das hat er geglaubt. Als es dann soweit war, dass wir weiterfahren konnten haben wir uns mit dem Versprechen verabschiedet, engeren Kontakt zu halten.
Der Zug von Erfurt nach Sömmerda war eine Katastrophe, harte Holzbänke und was da für Gestalten saßen, da bekam ich das erste mal Beklemmungen, denn genau mir gegenüber saß ein Volkspolizist und der lies mich, bis er ausstieg, nicht aus den Augen. Mein Onkel und, seine Braut, warteten dort schon voll Ungeduld und nahmen uns dann in Empfang. Sie wurden von vielen neugierig angeschaut. Schau mal, die bekommen Besuch aus dem Westen, hörte ich hinter mir und mein Onkel sagte, das sei normal, denn Leute aus dem Westen fallen auf. Meine Onkel aber auch, denn meine Mutter hatte ihm schon viele Sachen geschickt, die aber teilweise gar nicht ankamen.
Freitagabend war Polterabend und da begegnete ich Marion, wir standen da und schauten uns nur an und dann habe ich sie zum Tanzen aufgefordert. Wir sprachen kein Wort miteinander, schauten uns nur dauernd an, konnten die Augen nicht von einander lassen. Nach einer Zeit, ich weiß nicht wie lange, nahm sie mich bei der Hand und wir gingen raus in den Garten. Dort nahm sie mich ganz zärtlich in den Arm und küsste mich und die Welt versank um uns herum, es war als wenn wir uns schon immer kennen würden. Marion sah mich liebevoll an und sagte dann, dass sie schon so lange auf mich gewartet habe, denn sie hätte sich in mein Bild verliebt, das ihr mein Onkel von mir gegeben hat. Wir verbrachten die Tage miteinander. Es waren traumhaft schöne Tage und sie vergingen so schnell dass ich ganz vergass unseren Einreiseschein in Erfurt auf dem Amt wieder abstempeln zu lassen damit wir wieder ausreisen konnten.
Also, mussten mein Onkel und ich am Samstagmorgen nach Erfurt, die zuständige damalige Kreisstadt, fahren. Ja und diese Zugfahrt werde ich auch nie vergessen, denn so einen langsam fahrenden Zug hatte ich noch nie erlebt, da war doch am Fenster ein Schild angebracht, darauf stand,
... "Das Blumen pflücken während der Fahrt ist verboten" ... ,
aber man hätte sie tatsächlich in aller Ruhe pflücken können.
Auf dem zuständigen Amt angekommen mussten wir erst einmal warten, obwohl niemand anders da war. Den Einreiseschein von meiner Mutter stempelte er sofort ab und als er meinen in der Hand hatte, schaute er mich erst von Kopf bis Fuß an und nahm den Schein und holte einen Karteikasten hervor und suchte den dann durch, so viele Kästen und Karteikartenfarben habe ich nie gesehen, dazu marschierten auf einmal zwei Volkspolizisten hinter uns auf und ab. Mein Onkel bekam Schweißperlen auf die Stirn und flüsterte mir ängstlich zu, sag mal hast du was verbrochen und wenn ich ehrlich bin, mir wurde es langsam auch etwas mulmig.
Nach einer halben Stunde stempelte er endlich, sehr mürrisch, auch meinen Schein ab und wünschte säuerlich ... Gute Heimreise ... und ich bedankte mich ganz freundlich lächelnd, obwohl ich ihm am liebsten den Kragen umgedreht hätte. Wir fuhren mit Erleichterung nach Sömmerda zurück. Ja und dann kam das Schwerste für mich, der Abschied von Marion
, es flossen viele Tränen und wir gaben uns das Versprechen uns immer zu schreiben.
Autor: ralf
Datum: 01.01.2010 - 01:00
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