





Das verlorene Erbe
Bei meinen Reisen ins brasilianische Hinterland, in den Jahren 1985 bis 1993
, erlebte ich viele Überraschungen. Ich liebte es, dem Volk aufs Maul zu schauen, wie man so schön zu sagen pflegt. Und je tiefer ich in die ländlichen Gegenden im Nordosten des Landes vordrang, umso intensiver kam ich mit den einfachen Menschen der Gegenden in Kontakt. Ich passte mich während meiner Aufenthalte ihren Gewohnheiten an und studierte ihre Bräuche. Was mich sehr schnell mitten in ihre Runde katapultierte. Bald vermochte ich wie sie zu denken, übernahm ihre Redewendungen und gewann ihre einfach gestrickten Herzen im Sturm. Eroberte mir dadurch einen reichen Schatz indianischen Wissens. Kam in den Genuss von Geschichten und Überlieferungen, die sehr oft hinter dem realen Hintergrund eine Menge Lebensweisheit verbargen.
mit ihren wortkargen, direkten, grundehrlichen Menschen hatte es mir besonders angetan. Tagelang streifte ich hoch zu Ross durch die fantastischen Landschaftsgemälde. Entdeckte auf und hinter jedem Hügel und in den üppigen Tälern eine unbeschreibliche Natur. Saß nächtelang am Feuer mit den erdverbundenen Charakteren der Gegend, lauschte ihren Erzählungen. Eine davon möchte ich wiedergeben. Sie ist mir der Tagesereignisse wegen lebendig in Erinnerung geblieben. An jenem denkwürdigen 29. Dezember 1992
trat der brasilanische Präsident Fernando Collor de Mello
zurück, weil gegen ihn ein Amtsenthebungsverfahren anhängig war. Im Rahmen meiner Tätigkeit war ich ihm persönlich begegnet. Hielt große Stücke auf ihn.Jorge de Carvalho
war ein junger, arbeitsamer Mann von acht und zwanzig Jahren. Auf der Fazenda Boa Esperanca
, in der Nähe von Jussara
im Bundesstaat Bahia
, für die Pflege und Instandhaltung der Wirtschaftsgebäude und das Haupthaus zuständig. Er liebte seine unabhängige Arbeit, die ihn mit seiner Familie gut ernährte. Aber etwas mehr hie und da hätte es schon sein können. Vor allen Dingen seine junge Frau hatte öfter mal größere Augen als seine Geldbörse es erlaubte. Und jeden Tag purzelten neue Wünsche der Kinder in sein kleines Häuschen am Rande der Fazenda.Eines Tage erhielt er vom Notar aus Lapao
, knapp 40 km von der Fazenda Boa Esperanca
entfernt, eine Einladung. Mit seinem Vater hatte er in seiner Kindheit auf einem Dorf nahe dieser Stadt einmal einen entfernten Verwandten besucht.Mit gemischten Gefühlen bat Jorge seinen Patrao (Boss) Dom Agildo um zwei freie Tage, die ihm erst nach Vorlage der Einladung des Notars gewährt wurden. Am nächsten Morgen sattelte er bei Sonnenaufgang sein Pferd, küsste seine drei Kinder und seine Frau und machte sich auf die Reise. An einem Bach kurz vor Lapao
erfrischte er sich. Verzehrte die Schnitten, die seine Angetraute ihm in die Satteltasche gepackt hatte und nahm einen Schluck aus dem Wassersack. Betrat eine halbe Stunde später das Forum (Gerichtsgebäude) der Comarca de Lapao
an der Praca Aurelino Galvao
. Fragte sich zur Kanzlei des Richter-Notars in Personalunion durch. Wurde von dessen Sekretärin ins Wartezimmer verwiesen. Dort schmorte er annähernd zwei Stunden bis er ins Kabinett gerufen wurde. Richter Carlos F. Baptista
informierte Jorge, dass ein entfernter Verwandter von ihm, ein Gustavo de Carvalho
, vor kurzem verstorben sei. Der gute Mann hatte keine Kinder und auch sonst keine näheren Verwandten hinterlassen. Außer ihm. Vermachte Jorge de Carvalho
in seinem Testament all sein Hab und Gut. Wie auf ein Stichwort brachte in diesem Moment die Sekretärin einen dicken Umschlag und einen verschnürten, offensichtlich gewichtigen Sack ins Amtszimmer. Überreichte beides dem Richter. Dieser legte den Umschlag zur Seite und öffnete die Versiegelung des Werte-Postens. Breitete den Inhalt auf dem Tisch aus: Eine Menge Edelsteine, Schmuck, Halsketten, Ringe, Perlen, Gold und anderes Geschmeide. Es war ein umfangreicher, kostbarer Schatz.
Jorge blieb die Spucke weg. Mit offenem Mund starrte er auf die vor ihm ausgebreitete, wertvolle Hinterlassenschaft. Wie in Trance unterzeichnete er die ihm vorgelegten Papiere, als der Richter ihn aus seinen Träumen riss. Es war noch eine Kleinigkeit zu übergeben.
Was konnte das noch sein?
Er hatte doch jetzt schon weit mehr als er je in seinem Leben erwarten konnte. Durch kläffendes Gebell wurde er in seinen Gedankenflügen unterbrochen. Mit einer Promenadenmischung betrat die Assistentin erneut das Büro. Zerrte den Kläffer verärgert hinter sich her. Der Hund war ein Teil des Erbes und bis an sein Lebensende mit Liebe zu pflegen. So lautete das Vermächtnis.
Die Zugabe der Töle passte Jorge überhaupt nicht. In Wirklichkeit hatte er Hunde noch nie gemocht und sich bis zu jenem Tag erfolgreich dem Wunsch seiner Kinder widersetzt, die gerne ein solches Knuddelknäuel gehabt hätten. Und jetzt sollte er diesen Köter ... ! Jorge lehnte die Mitnahme des Vierbeiners höflichst, aber bestimmt ab.
Ohne den Hund mit Namen Fofinho keine Erbschaft. So hatte es der Erblasser verfügt, beschied ihm der Richter! Es führte kein Weg an dieser Tatsache vorbei. Entweder er nahm Fofinho ebenfalls in seine Obhut, oder er würde leer ausgehen. Seine Erbschaft fiele in diesem Falle der katholischen Kirche zu. Der Flohträger ebenfalls.
Zähneknirschend packte der frisch gebackene Krösus, denn genau so fühlte er sich, die Leine und zerrte das unschuldige Hündchen aus dem Richterkabinett. Beim Pferd angekommen knüpfte er den Sack mit dem Schatz , der nicht in die Satteltasche passte, an den Sattel und bestieg seinen Gaul. Die Leine von Fofinho befestigte er ebenfalls am Sattel. Dann gab er seiner Stute die Sporen. Er wollte so schnell als möglich wieder zu seiner Frau und den Kindern zurück um ihnen die frohe Botschaft vom Reichtum zu überbringen.
Immer wieder drehte er sich nach dem Stolz aller Promenaden um. Fand jedesmal noch mehr an ihm auszusetzen. Bestimmt hüpften im Fell munter die Flöhe. Vielleicht hatte er sogar die Krätze. Ganz bestimmt aber Würmer. Und alles würde auf seine Kinder, seine Frau und ihn übertragen werden. Und wer weiß ob er nicht auch noch die Tollwut im Körper mit sich trug?
In diese Überlegungen hinein begann der Hund wie wild zu bellen, stemmte sich gegen seine Leine. Wurde aber vom Pferd spielerisch mitgezogen. Jorge ruckelte immer wieder an der Leine, weil der Kläffer nicht zu bellen aufhören wollte. Doch der gab einfach keine Ruhe. Bis der Reiter sein Pferd zügelte, aus dem Sattel stieg, die Leine ab band und dem Hund über die Flanken zog. Fofinho aber kläffte weiter. Versuchte seinen neuen Herrn rückwärts in die Richtung zu ziehen, aus welcher sie gekommen waren.
Da wurde es dem stolzen Erben zu bunt. Er packte einige Steine vom Boden auf und schleuderte sie gegen den Hund, der gepeinigt jaulte, sich aber im nächsten Augenblick los zu reißen vermochte und zwischen den Büschen verschwand. Was Jorge gelegen kam. Wenn jemand nach dem Vierbeiner fragen würde, könnte er reinen Gewissens behaupten, dass dieser entwichen war.
Er schwang sich wieder auf sein Pferd. Ritt im gestreckten Galopp auf die Fazenda, wo seine Familie ihn schon von weitem kommen sah. Ihm entgegen rannte um die Neuigkeiten zu erfahren.
Mit geschwellter Brust erzählte der Neureiche von der Erbschaft. Von dem voluminösen Sack. Bis oben hin gefüllt mit Schmuck und Geschmeide. Berichtete auch von dem Hündchen. Wie dieses auf dem Weg, plötzlich Unheil verkündend, zu bellen angefangen hatte, so dass er irritiert auf das Tier losgegangen war, es schlug. Worauf es dann abgehauen war.
Seine Frau indes fragte praktischerweise nach dem gefüllten Sack, den sie nirgendwo am Sattel entdecken konnte.
-Da ist nirgendwo ein Sack- monierte sie - bist du sicher dass du nicht alles geträumt hast?-
Irritiert drehte sich Jorge um. Erschrak bis ins Mark. Der Sack war wirklich nicht mehr am Sattel angebunden. Er musste auf dem Weg verloren gegangen sein.
Wissend schaute die älteste Tochter ihren Vater an und meinte altklug,
-Papa, du wirst sehen, dass das Hündchen deshalb auf der Strecke so wild gebellt hatte, weil es dir anzeigen wollte, dass der Sack vom Sattel gefallen war. Aber der irritierte Herr hat ja nicht verstanden!-
Trotz intensivster Suche der ganzen Familie wurde der Sack mit dem Erbgut nicht wieder gefunden. Aber der Hund war Jorge in sicherer Entfernung gefolgt und seine Kinder hatten Fofinho als Spielkameraden adoptiert.
Autor: bauameise
Datum: 01.01.2010 - 01:00
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