





Kindheits- und Jugenderinnerungen in der DDR
Manche Erinnerungen sind lückenhaft, andere wiederum so klar und deutlich, als wären sie gestern gerade passiert. Immer sind jedoch Emotionen im Spiel, die dazu führen, dass wir bestimmte Erlebnisse und Begebenheiten einfach nicht vergessen. So auch bei mir, 20 Jahre nach dem Mauerfall. Es sind schöne und traurige Erinnerungen. Erinnerungen wie sie eben ein Kind hat, das die DDR knapp 14 Jahre erleben durfte bzw. musste, je nach Perspektive.
Diese Erinnerungen möchte ich gerne festhalten, für mich und vielleicht auch für andere. Erinnerungen die ein Lächeln zaubern und manchmal auch jene, die wütend und traurig machen. Es geht nicht darum, die DDR zu verteufeln oder zu verschönen, es sind nur Erinnerungen eines Kindes, einer Jugendlichen.
Vielleicht gibt es einige von Euch in meinem Alter, die noch andere Erinnerungen hinzufügen können.
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Ich erinnere mich an meine Mutter, die ihre Arbeitsstelle aufgab und stattdessen mit mir täglich für die Schule übte, damit ich die erste Klasse schaffe. Wie meine Klassenlehrerin Frau Peise extra zu uns nach Hause kam, Spielgeld und andere Förderutensilien mitbrachte und mich und meine Mutter unterstützte, so dass ich Rechnen üben konnte.
Ich erinnere mich an den Flötenunterricht bei einer kirchlichen Institution, den ich nur deshalb besonders gerne besuchte, weil es dort im Anschluss immer ein Lack- oder Glanzbild aus dem Westen gab.
Ich erinnere mich, dass mein erster Berufswunsch Unterwasserfotografin war und ich von allen mehr als verständnislos angeschaut und ausgelacht wurde. Die Ostsee wäre damals wahrscheinlich das einzige Motiv geblieben.
Ich erinnere mich an die Fahnenappelle auf dem Schulhof, an die piepsigen Worte „Immer Bereit“ der Pioniere und an das im tiefen Brummton gesprochene Wort „Freundschaft“ der Großen, der FDJ´ ler im blauen Hemd. FDJ und blaues Hemd bedeutete damals für mich erwachsen zu sein.
Die Standardbegrüßung „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit“ zu Beginn eines jeden Unterrichts, wird wohl ebenfalls niemand vergessen. Und das gelangweilte „Immer Bereit“ als Antwort.
Ich erinnere mich an kleine zweifelnde Gedanken, die jedoch keinen Bezug zum System hatten, welches ich eh noch nicht verstand. Warum durften einige meiner Klassenkameraden nicht mit zum Wandertag, nur weil sie Kirchenmitglieder waren? Ich hatte keine Antwort darauf und falls ich meine Eltern gefragt habe, so kann ich mich nicht mehr an die Antwort erinnern.
Ich erinnere mich daran, dass mir mein Bruder seine 12 Forumchecks schenkte, die er eigentlich von seiner Oma bekam, so dass ich mir im Intershop in Schönefeld etwas Schönes kaufen konnte. Ich erinnere mich an das herrlich schmeckende Cornetto Erdbeereis.
Ich erinnere mich daran, dass mein Bruder fast von der Schule geflogen wäre, weil er einen Ohrring trug.
Ich erinnere mich an meine zweite Klassenlehrerin Frau Britz, wegen der ich blaue Flecken am Arm hatte. Warum? Statt ihr zuzuhören, schaute ich aus dem Fenster und träumte oder malte. Jedes Mal brüllte sie mich an und zerrte mich äußerst grob in die Ecke. Nachdem meine Eltern sich beschwerten, war dies dann zum Glück vorbei, sie blieb aber weiter meine Klassenlehrerin und meine Kopfnoten waren dementsprechend nicht immer die besten.
Ich erinnere mich an Kuchenbasare, zu denen jedes Kind aus der Klasse selbstgebackenen Kuchen mitbrachte, um den Erlös für einen guten Zweck zu spenden (Kinder in Afrika?). Wer weiß, wo damals der Erlös wirklich hingeflossen ist.
Ich erinnere mich an unseren Russischlehrer Herr Karsch, der nur ein Auge hatte und jedem Jahrgang eine andere Geschichte erzählte, wie er sein Auge verloren hat. Einmal hatte er es im Krieg verloren, ein anderes Mal war es ein Bärenkampf und wiederum ein anderes Mal war es ein Skiunfall.
Ich erinnere mich an meine unzähligen russischen Brieffreundschaften, die mir meine Eins in Russisch sicherten. Für jede Briefübersetzung bekam man eine zusätzliche Note. Und an die tollen Wackelbilder erinnere ich mich. Dies war ein weiterer Grund die Brieffreundschaft aufrecht zu erhalten, denn so etwas gab es bei uns nicht. Natürlich war die Brieffreundschaft an sich etwas Besonderes, die Sowjetunion kannten wir nur aus Büchern und manchmal sahen wir auch echte Russen in unserer Stadt, aber eher selten.
Ich erinnere mich an die ummauerten und undurchlässigen Gelände unserer „russischen Freunde“, mit denen wir so gut wie nie etwas zu tun hatten. Ich weiß nur noch, dass ich oft kaputte Straßen und umgeknickte Bäume sah, die „Mal wieder“ von russischen Panzer- oder LKW-Fahrern umgenietet wurden (erzählten die Erwachsenen).
Mehrmals erhielt unsere Klasse eine Einladung und wir konnten hinter die Mauern schauen. Dort lernten wir dann russische Kinder in unserem Alter kennen und führten ziemlich verkrampfte Gespräche in Russisch. Hätte es das Buch „Russisch für Brieffreunde“ (oder so ähnlich) nicht gegeben, wären die Gespräche wohl über „Strastwuijtje“ nicht hinausgegangen. Die russischen Kinder hatten auch rote Halstücher. Diese waren aber nicht aus solch einem hässlichen Polyesterstoff wie unsere, sondern glänzender und fließender.
Ich erinnere mich an das Pionierlager in Bergholz-Rehbrück, welches ich übrigens nie wieder gefunden habe. Hier fand ein deutsch-polnisches Pioniertreffen statt und meine Klasse und ein älterer Jahrgang unserer Schule nahmen daran teil. Ich weiß noch, dass ich hier das FDJ-Hemd von einem Jungen bekam, um mich einfach beim morgendlichen Fahnenappell in die Gruppe der Großen stellen zu können. Mann war ich stolz, ich fühlte mich richtig erwachsen, als ich laut „Freundschaft“ brummte.
Ziel dieses Pionierlagers war es unter anderem polnische Kinder und Jugendliche kennen zu lernen. Ich erinnere mich an Pawel und Marek, zwei niedliche Jungs, in die jedes Mädchen verknallt war. Wir sollten zwei polnische Jugendliche mit zu uns nach Hause nehmen, um ihnen zu zeigen wie wir hier in der DDR so leben. Die Jungs kamen nur deshalb mit mir mit, weil ich das einzige Mädchen war, das nicht in sie verknallt war. Das hat mir wahrscheinlich bis heute kein Mädchen aus meiner Klasse verziehen.
Ich erinnere mich an den Konsum, an die Blockschokolade und widerliche Schokoriegel, deren Name ich nicht mehr weiß (Fitzer???). An Kaugummis in grünem Papier, die steinhart waren. An Cornflakes, die wahrscheinlich die verbrannten Reste von Kelloggs Cornflakes waren, so schmeckten sie zumindest im Vergleich zu heute. Damals war es etwas Besonderes. An Eis am Stiel in gelber Verpackung, welches es nur ganz selten gab. An die Büchse Ananas für 8 Mark im Delikatladen. An meine erste Marmorjeans für 180 Mark, die mir meine Mutter im Exquisit kaufte und die mir zwei Tage später geklaut wurde, weil ich nach dem Sportunterricht zu faul war mich umzuziehen und meine Sachen auf dem Gepäckträger lies, als ich in den Konsum ging.
Ich erinnere mich noch wie heute noch an die Pakete aus dem Westen. Jedes Jahr zu Weihnachten war eine neue Barbie drin, weil die jeweils letzte im Eifersuchtswahn von meinem Hund zernagt wurde. Ich erinnere mich daran, wie meine liebe Oma die schönsten Kleider für die Barbies nähte, die ich bis heute aufgehoben habe.
Und zu Weihnachten war der bunte Teller immer mit Westsüßigkeiten gefüllt, weil die Westomas wieder Päckchen schickten. Jedes Stück Schokolade wurde eingeteilt, so dass ich so lange wie möglich etwas davon hatte. Ich erinnere mich an die tollen Kinderbücher, die eine uns völlig fremde Frau aus dem Westen schickte. Das Buch „Die 5 Freunde“ von Enid Blyton habe ich damals mindestens zehn Mal gelesen.
Ich erinnere mich an die Kinderfeste, die meine Eltern und Nachbarn im Haus regelmäßig organisierten.
Ich erinnere mich, dass zwei Straßen weiter eine Familie wohnte, die ein Telefon hatte.
Ich erinnere mich noch ganz vage an die Märsche in unserer Stadt am 1.Mai und an die roten Nelken im Knopfloch und die Fahnen.
Autor: raiwe59
Datum: 01.01.2010 - 01:00
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