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Vatertag bleibt Vater\'s Tag

Himmelfahrt 1987 hätte für meinen Vater eine solche werden können. Wenn mir die Macht zugeflogen wäre, ihn dorthin zu befördern. Am Dienstagabend und am Mittwochnachmittag schufteten meine Freundinnen und ich wie die Besessenen, damit wir das Pferdegespann und den Landauer für unsere Aktion am Himmelfahrtstag untadelig in Schuss hatten. Am Mittwochabend glänzten die Felle der beiden Hannoveraner wie aufwendig unsichtbar geschminkte Ladies. Der stattliche, viersitzige Landauer mit dem ‘Cabrio-Verdeck’ hatte nie zuvor eine liebevollere Pflege erfahren. Wir wollten es den sauberen Herren der Schöpfung an ihrem Sauf- und Flirttag durch des Gäu schon zeigen. Auch wir konnten ... ! Nein! So richtig sauigelig daneben benehmen wollten wir uns nicht!

Beschwingt hatten wir uns am Mittwochabend voneinander verabschiedet, mit der Maßgabe, gegen zehn Uhr am nächsten Vormittag die Pferde anzuspannen. Um dann auf die Strecke zu gehen. Es war alles fein säuberlich ausgekaspert. Die Lektionen, die wir unseren besseren oder schlechteren Hälften zu erteilen gedachten, hatten richtig Pepp. Wir freuten uns königlich auf den Vatertag. Vergnügt köpfte ich mit meinem Vater in der Bibliothek noch eine Flasche Lehmberger. Hatte selten ein so harmonisches Gespräch mit ihm genossen. Auch über Themen, die zwischen uns eigentlich strittig waren. Ich muss in der hämischen Vorfreude auf das erwartete Vergnügen des kommenden Tages vollkommen blind gewesen sein. Sonst hätten mich seine schnurrende Zustimmung und sein feines Lächeln, das um die klugen Augen tanzte, stutzig machen müssen. Doch ich spannte einfach rein gar nichts. Schmatzte den alten Schwerenöter sogar noch liebevoll ab, bevor ich mich in meine Daunen kuschelte.

Beseligt schlief ich ein. Wachte viel zu spät auf. Mir blieb kaum Zeit für einen nahrhaften Happen zum eiligst aufgegossenen Tee, als auch schon meine Freundinnen aufkreuzten. Als ich die Stalltür öffnete, gefror mir das Blut in den Adern. Die Boxen der beiden Braunen waren leer. Geklaut! Das war mein erster Gedanke. Den ich aber sofort wieder verwarf, als das feine Lächeln meines Vaters vom Vorabend in mein Gesichtsfeld tanzte. Ich raste zur Remise, riss das Tor auf und wusste Bescheid. Mein alter Herr hatte mich und meine Freundinnen, seelenruhig zuschauend, sein Vatertagsgefährt herrichten lassen. Lachte sich jetzt bestimmt halb tot über die blöden Weiber. Und ich hatte natürlich auch keine Ahnung wohin er unser Gespann mit seinen Freunden gelenkt hatte. Bei unserem Plausch, am Abend zuvor, hatte er so getan als würde er die Ruhe des Vatertags dazu nutzen und in seinem Büro die Papierberge ab bauen. Ich war ihm richtig jungfräulich in die meisterhaft aufgetragene Leim- und Schleimspur geschlittert. Zu allem Übel fanden meine Freundinnen die Situation äußerst amüsant. Bis ich ihnen diesen Zahn mit einem Donnerwetter zog.

In mir schrie jede Faser meines Seins nach Rache. Nach blutrünstiger Vergeltung. Nach ... ! Unbändiger Zorn schüttelte mich. Ich scheuchte die drei blöden Weiber vor mir her auf die Veranda hinter der Küche. Berief gewissermaßen einen Kriegsrat ein. Merkte zu spät, dass ich die einzige Kriegerin im Weibsenrund war. Die drei Grazien neben mir nickten fleißig bei allen meinen Racheplänen, füllten sich gegenseitig nach allen Regeln der Saufkunst ab. Als ich es bemerkte, war es bereits zu spät. Ich konnte sie nur noch in die Scheune schleppen und im Heu ablegen, damit sie ihre Alkoholpegel zersägen konnten. Dann machte ich mich auf die Pirsch nach meinem Gespann.

Ganz dringend benötigte ich zuerst eine Ablenkung um meinen Blutdruck auf Normalwerte zu senken. Mir fiel nichts besseres ein, als mich vor den Fernseher zu pflanzen und dumm in die Glotze zu starren. Aber das war genau die richtige Medizin. Bei jeder neuen Nachricht spürte ich deutlicher, wie meine wilden Rachepläne sich auf eine

n strategischen Punkt der Vernunft zurückzogen. Einer kalten Entschlossenheit Raum zuordneten. Ich genoss das Auf und Ab der Neuigkeiten aus aller Welt. Bewunderte den waghalsigen Sportflieger Michael Rust aus Hamburg, der mit seiner Cessna-172 auf dem Roten Platz in Moskau gelandet war. Er hatte dem Ostblock eine lange Nase gezeigt und unbehelligt mehr als 700 Kilometer Luftraum der UdSSR durchquert.

Eine tiefe Ruhe erfasste mich. Wenn das 19-jährige Jüngelchen -höre ich da eine verkappte Emanze mosern- eine solche waghalsige Route bewerkstelligen konnte, dann sollte es mir als 22-jähriger Veteranin auch gelingen, ‘mein Gespann’ an einem der Lieblings-Landeplätze meines Vaters aufzuspüren.

Ich stieg in meine Bikerkluft, griff mir die Motorradschlüssel vom Brett und schwang mich auf die Harley meines Altvorderen. Zu jeder Schandtat bereit!

Denkste!!

Die Electra Glide gab keinen Mucks von sich. Und sehr schnell fand ich heraus weshalb. Mein Vater hatte irgend ein Teil der Elektronik ausgebaut. Danach zu suchen war sinnlos. Er wusste genau wie seine Tochter tickte. Nach dem allzu frühen Tod meiner Mutter war er für mich Vatermutter geworden. Meisterte mit Bravour diese nicht leichte Aufgabe. Erneut flammte mein Zorn auf. Wurde im nächsten Augenblick von einer Woge zärtlicher Zuneigung hinweg geschwemmt. Dann wieder von Rachegedanken beiseite geschubst. Ich schwamm in einem Wechselbad der Gefühle. Und um diesem Dilemma zu entgehen, zwang ich mich zum Handeln. Obwohl ich genau wusste, dass ich mein Gespann mit den Figuren darauf nicht finden würde. Weil mein Vater natürlich auch erahnte wo ich suchen würde.

Vollkommen fertig gab ich am späten Abend die Suche auf. Immer wieder war ich zwischendurch auf den Hof zurückgekehrt. Von der leisen Hoffnung beseelt, die Übeltäter vorzufinden. Doch nur das laute Schnarchen und Röcheln meiner schachmatt gesetzten Freundinnen lachte mich dort aus.

Später waren die Nieten verschwunden. Unruhig tigerte ich durch die Räume des Hauses. Mein Zorn stritt sich bereits mit der Sorge, dass den Helden etwas passiert sein konnte. Vielleicht lagen sie im Krankenhaus. Ein mächtiger Schreck fuhr mir in die müden Glieder. Ich begann damit, die Krankenhäuser in der nähren Umgebung abzuklappern.

Fehlanzeige!

Und dann wagte ich mich sogar , bereits nach Mitternacht, zur Polizei in Herrenberg und  Nagold. Die Banausen hinter dem Empfangstresen grinsten nur anzüglich und verwiesen auf was weiß ich nicht für Vorschriften, die eine Suche erst ... Da war ich schon wieder aus der Tür. Bezog am Wohnzimmerfenster Stellung. Goss im Laufe der Nacht Unmengen Kaffe in mich hinein und war am frühen Morgen krank vor Sorge.

Kurz vor halb Sechs kam unser Nachbar mit dem frisch gemähten Futter von einer seiner Streuobstwiesen zurück. Ich musste jetzt einfach mit jemandem sprechen. Da war mir sogar der Nachbar recht, den ich nicht besonders mochte.

Er war vor dem Futtergang gerade von seinem Traktor gestiegen als ich durch die Pforte schlüpfte. Bevor ich etwas sagen konnte, schockte er mich mit der Frage, “was machen Eure Braunen eigentlich bei der Jagdhütte auf der Schenkert?”

Einige halbe Stunde später warf ich mich in der Jagdhütte auf dem Bett in die Arme meines Vaters und erdrückte ihn fast. Bis mir blitzartig dämmerte, dass er auch diese Reaktion vorausgesehen hatte.

Der Vatertag war wirklich der Tag meines Vaters.





Autor: amazoneone

Datum: 01.01.2010 - 01:00

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