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Irgendwie muss es weiter gehen....

Es war Spätherbst im Jahre 2006, ein Herbst, wie jedes Jahr, nur etwas war anders.
Eine gedrückte Stimmung lag in der Luft.
18 Jahre war ich nun in diesem Unternehmen tätig. Habe hier gelernt, gearbeitet, ja man kann fast sagen gelebt. Wie viel Stunden hat man hier mit Arbeitskollegen verbracht, Arbeitskollegen, die zu Freunden wurden, Freunde, die zur Familie wurden, einer Familie, mit der man mehr Zeit verbracht hat, als mit der Eigentlichen. Es war eine Familie, auf die man sich verlassen konnte, auf die man sich jeden Tag gefreut hat, mit der man Freud und Leid geteilt hat.
Selbst nach getaner Arbeit hat man sich getroffen, Party gefeiert, oder nur ein gemütliches Bierchen getrunken, oft wurden es ein paar mehr.
Der Gesprächsstoff ging nie aus, auch wenn sich auf den ersten Blick fast alles um die Arbeit drehte, so drehte sich doch auch alles um dieses Leben – das Leben beim Film, mit dem Film und ohne Film.
Es war ein Leben, das erfüllt war von Kreativität, von Herausforderung, von immer neuen Eindrücken. Wie viel verschieden Menschen, Schauspieler, Film-schaffende, Charaktere hat man kennen und schätzen gelernt.
Es war ein leben in einer anderen Realität, einer Realität, die man nicht missen wollte.
Doch nun kam alles anders.
Schon oft hatte man versucht, die Familie zu zerbrechen und nun schien es so, als hätte man es geschafft.
Was ist schon eine Fachkraft wert, die den Job gelernt hat, die den Job geliebt hat, die den Job gelebt hat, wenn sich doch nur alles um das Geld dreht, um jenes Geld, welches nicht ausgegeben werden sollte, weil es billigere Kräfte gibt, Kräfte, die für einen Hungerlohn arbeiten, damit sie sich gerade so über Wasser halten können, Kräfte, die man herum stoßen kann, Kräfte, die nicht widersprechen, Kräfte, die sich nicht wehren, weil dieser Job so wichtig für´s Überleben ist.
Nun war es soweit. Vor versammelter Mannschaft erfuhr jedes „Familienmitglied“, nacheinander aufgezählt, das es vorbei war. Mit Nennung des Namens wurde dieses Leben einfach so beendet, ohne Kommentar, ohne Vorgespräch, ohne Erklärung, abgefertigt, wie von einem Kontrolleur in der Straßenbahn.
Schweigend verließ jeder nach und nach den Saal, gedankenlos, wie betäubt, ohne Gefühl, mit einer Leere, wie ich sie noch nie gespürt habe.
Völlig fern jeglicher Vernunft traf ich mich mit nun Ehemaligen in einem Büro. Wir öffneten eine Flasche Sekt und stießen an, auf ein Leben, das nun vorbei war, auf Freundschaften, die nie vergehen werden, auf eine Lebenserfahrung, die ich in meinem Herzen trage.
Ich kann zurück schauen, auf ein Leben, das ich gelebt und geliebt habe.
Die Erinnerung an dieses Leben kann man mir nicht nehmen.

Irgendwie muss es weiter gehen …

Aber wie – soviel Verschiedenes hat man gelernt, wofür soll man sich entscheiden – die Vielfältigkeit soll nun der Monotonie weichen – was für ein Leben soll das den sein ?
In einer Auffanggesellschaft bin ich nun untergekommen, Zeit um mich zu finden, um heraus zu finden, wie die Zukunft aussehen soll.
Doch was soll es werden – Existenzgründung, Freelancer oder Angestellter ?
Lehrgänge folgen und eins kommt zum anderen, letztendlich soll es die Tätigkeit eines Hausmeisters sein, der ich werden soll.
Ein Jahr später finde ich mich in einem Seniorenheim wieder. Alles sieht gut aus, nette Vorgesetzte, nette Kollegen, interessante und liebenswerte Bewohner. Es gibt viel Arbeit, zu viel Arbeit, Arbeit, die allein nicht zu bewältigen ist.
Auch hier bin ich nun an ein Unternehmen geraten, welches an Menschen spart, an Menschen, die so wichtig sind für dieses Haus.
Der Ehrgeiz treibt mich und wieder verbringe ich Stunde um Stunde im Unternehmen. Erst spät abends komme ich nach hause, nicht fröhlich, nicht erfüllt, frustriert, das der Berg nicht kleiner wird. Von Gedanken zerfressen, wie es zu schaffen sein könnte, vergesse ich alles um mich herum. Meine Freundin, meine Familie ist nicht mehr Bestandteil meines Lebens. Völlig ausgeblendet entferne ich mich immer weiter von meinen Liebsten.
Ich finde mich wieder in einem Job voller Enttäuschungen, voll mit Qualen, voll mit Verzweiflung. Alles Reden bringt nichts, es gibt keinen Ausweg, die Richtung ist vorgegeben und keiner wagt abzuweichen.
Ein Jahr plage ich mich nun schon, leiste Überstunden ohne Lohn, arbeite für ein Entgelt, das ein Drittel meines vorigen Einkommens beträgt. Finanzielle Sorgen treten in mein Leben, Sorgen, die ich nicht kannte, Sorgen, mit denen ich nicht umgehen kann.
Mein Körper fängt an zu versagen. Der Rücken schmerzt, ein Gefühl wie Stromschläge durchzieht meine Beine. Zeitweise zittere ich wie Espenlaub, als wenn ich friere, nur ist mir nicht kalt, Körperteile sind zeitweise taub, fast wie gelähmt.
Nicht mehr lange, denke ich mir, dann ist Urlaub – ein kurzer Weg zum Arzt und eine Spritze gegen die Schmerzen, dann wird es schon wieder gehen.

Doch es kommt anders – im Mai 2009 ist plötzlich alles vorbei.

Ich stecke in einem Körper, der nicht mehr mir zu gehören scheint, der nicht mehr macht, was ich will, den ich so nicht kenne. Ich kann nicht Stehen, ich kann nicht liegen, ich kann nicht sitzen, ohne das mich Schmerzen plagen. Ich bin ausgelaugt, verbrannt, an einem Punkt, wo ich nicht weiter weiß.
Die Liebe ist zerstört, der letzte Halt genommen, ich bin allein.
Nun sitze ich hier, der Herbst ist weder herein gebrochen und ich schreibe diese Zeilen, Tränen in den Augen, trage Wut im Bauch, Enttäuschung, weil ich es nicht geschafft habe und weil ich es nicht geschafft habe zu leben, weil ich nicht mehr weiß, wie man lebt.

Aber... irgendwie muss es doch weitergehen ?!




Autor: Bonsai

Datum: 01.01.2010 - 01:00

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